Prof. Dr. Gerhard Vinnai
UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Institut für Kulturforschung und Bildung
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Zum Fortwirken der Religion in der säkularisierten Moderne



Erschienen 2007 in: Freie Assoziation - Das Unbewusste in Organisationen und Kultur, 9. Jahrgang, Heft 03/2006, Psychosozial Verlag, Gießen

 
Zusammenfassung: Der Text führt verschiedenartige Gedankengänge vor, die darauf hinweisen, wie Elemente des Religiösen bewusst und vor allem unbewusst in einer Moderne fortwirken, die als säkularisiert gilt. Freud geht von einer entschiedenen Entgegensetzung von religiösem und wissenschaftlich geprägtem aufklärerischem Denken aus. An der Rolle des Zweifels in beiden Sphären wird in einem ersten Abschnitt „Aufklärung und Fundamentalismus“ die Berechtigung dieser Gegenüberstellung vorgeführt. Am Beispiel der christlichen Religion wird gezeigt, dass der religiöse Glaube immer ein Potential der Gewalt in sich trägt, das aus der Abwehr des kritischen Vernunftgebrauchs resultiert. Der Abschnitt „Das Fortwirken des Religiösen in der Psychoanalyse“ relativiert hingegen den Gegensatz zwischen Aufklärung und Religion. Er zeigt, dass Elemente dessen, was Freud an der Religion ausgemacht hat, auch sein Denken bestimmen und wie in diesem die jüdisch-christliche Tradition fortwirkt. Im modernen Kapitalismus wird das ökonomische Handeln scheinbar nur von nüchternen Nutzenkalkülen bestimmt. Der Abschnitt „Kapitalismus und Religion“ macht mit Hilfe von Max Webers Analyse der Verbindung von Calvinismus und Kapitalismus jedoch deutlich, dass dieses Handeln auch noch heute eine Art unterschwellige religiöse Aufladung erfährt. Freud hat die Gesetze seiner Massenpsychologie am Beispiel kirchlicher Massenbindungen erläutert. Die von ihm beschriebenen illusionären Massenbindungen finden heute, wie der Abschnitt „Fußball als Religionsersatz“ zeigt, eher im Bereich des Fußballsports ihren idealen Ort.

  
Die folgenden Ausführungen versuchen keine umfassende Einschätzung der Bedeutung der Religion in der gegenwärtigen westlichen Kultur. Sie stellen vielmehr einige recht heterogene Gedankengänge vor, die Hinweise auf wesentliche Elemente dieses Problemfeldes liefern sollen. Sie wollen, thesenartig formuliert, das Nachdenken anregen. (Was in den ersten beiden Thesen dargestellt wird, habe ich in meinem Buch "Jesus und Ödipus“, Frankfurt 1999, gründlicher und ausführlicher behandelt.)


 
Aufklärung und Fundamentalismus 


Für Freud, den Anhänger der modernen, empirisch orientierten Wissenschaft, gibt es drei Mächte, die dieser ihr Terrain streitig machen könnten: die Kunst, die Philosophie und die Religion. Aber von diesen Dreien ist, wie es bei ihm heißt „allein die Religion der ernsthafte Feind“ (Freud 1917, S. 173): Religiöses Bewusstsein ist für Freud der Prototyp des falschen Bewusstseins, gegen die Religion definiert er seine Position als der Aufklärung verpflichteter Intellektueller. In der analytischen Therapie geht es Freud um die Bekämpfung von individuellen Neurosen, in der Auseinandersetzung mit der Religion geht es um die Bekämpfung dessen, was ihm als kulturelle „Massenneurose“ (Freud 1930, S. 440) erscheint.
 
Mit seiner Einstellung, die von einem radikalen Gegensatz zwischen religiösem und wissenschaftlichem Bewusstsein ausgeht, steht Freud keineswegs allein, sie entspricht einem Hauptstrom der europäischen Aufklärung. Für diese steht eine autoritativ verkündete göttliche Offenbarung, die die Kirchen, solange sie die Macht dazu haben, ihren Gläubigen verordnen, einer kritischen, wissenschaftlich geschulten Vernunft gegenüber, die jede Autorität und jeden Glauben kritisch zu hinterfragen hat. Nicht mehr religiöse Glaubensnormen, wie im christlichen Europa, sondern der kritische Vernunftgebrauch sollen die sozialen Ordnungen der Menschen und das mit ihnen verbundene Verhältnis zur Natur bestimmen. 


Die entschiedene kritische Entgegensetzung von Wissenschaft und Religion hat durchaus ihre Berechtigung. An der Rolle des Zweifels in beiden Sphären kann dies deutlich gemacht werden. Während die wissenschaftliche Aufklärung die Notwendigkeit eines alles in Frage stellenden Zweifels für den Fortschritt des Denkens betont, akzeptieren ihn die Kirchen typischerweise im religiösen Bereich allenfalls als Durchgangsstadium zum rechten Glauben. Der Zweifel muss, Freud zufolge, von den Anhängern der Religion bekämpft werden, weil er die Aufrechterhaltung der von Wünschen aufgeladenen Illusionen gefährdet, von denen ihr Bewusstsein lebt. Über Jahrhunderte haben die Kirchen Glaubenszweifel mit Mord und Totschlag bekämpft und sie erst unter dem Einfluss der wachsenden Macht der Aufklärung bzw. ihres schwindenden eigenen Einflusses akzeptiert. 

Einige kurze Hinweise auf die Bekämpfung des Zweifels in der christlichen Tradition: Der Bibel zufolge verflucht Jesus, der die Feindesliebe propagiert, die orthodoxen Juden, die an ihm als Messias zweifeln. Für den Apostel Paulus gilt: „Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, so sei er verflucht“ (1. Korinther 16, 22). Das Konzil von Ephesus verbot im Jahre 431, unter Androhung schwerster Strafen, eine andere als die mit Hilfe kirchlicher Dogmen verordnete Lehre auch nur zu denken. 1252 erließ Papst Innozenz IV eine Bulle, die Andersgläubige mit Dieben und Räubern auf eine Stufe stellte und die weltlichen Herrscher verpflichtete, alle „Häretiker“ zum Verrat ihrer Genossen zu zwingen und an ihnen die Todesstrafe zu vollstrecken. Spätere Päpste haben sich dem angeschlossen. Für die römische Kurie sind die Gewissensfreiheit und die Meinungsfreiheit über lange Jahrhunderte ein wahnhafter Irrtum, wie Papst Gregor XVI noch in 19. Jahrhundert feststellte. Auch der Reformator Luther bekämpfte eine Vernunft, die Glaubenszweifel fördern könnte, leidenschaftlich als „des Teufels Hure.“ Für ihn gilt: „Zweifel ist Sünde und ewiger Tod“ (Luther Deutsch 1960, S. 115) Auch Reformatoren suchten geäußerte Glaubenszweifel streng und grausam zu bestrafen. 

Die Intoleranz von Frommen gegenüber Angehörigen anderer Religionen oder Ungläubigen verbindet sich, wie die Geschichte zeigt, besonders leicht mit monotheistischen Religionen wie dem Christentum oder dem Islam. Im strengen monotheistischen Glauben gibt es nur einen Gott, nämlich den eigenen, und damit nur seine Wahrheit und sein bindendes Gesetz. Wo der eigene Gott, mit dem man identifiziert ist, und an dessen Macht man deshalb teilhaben möchte, als alleiniger Herr der Welt gesehen wird, besteht immer die Gefahr der Intoleranz gegenüber denen, die ihn nicht akzeptieren wollen. Solche Intoleranz ist aber nicht nur mit dem religiösen Glauben, sondern vor allem auch mit geheimen, vom kritischen Denken gesäten eigenen Zweifeln an ihm verbunden, die die Gläubigen mit Hilfe von Fanatismus abwehren müssen. Wo nach der religiösen Lehre ein guter, gerechter Gott die Welt regiert, die Gläubigen aber in einer Welt voller Gewalt, Ungerechtigkeit und Einsamkeit existieren müssen, sind Zweifel an ihr kaum vermeidbar. Die Gläubigen müssten sich eigentlich einen anderen Gott wünschen, sie müssten diesen Gott eigentlich hassen, der ihnen so Schlimmes auferlegt. Die Angst vor Verzweiflung bei der Abweichung vom rechten Glauben bzw. dem Verlust religiöser Illusionen oder auch die Angst vor äußeren, von religiösen und weltlichen Institutionen auferlegten Glaubenszwängen können derartige Gotteslästerungen nie ganz zum Verschwinden bringen. Sie werden allenfalls als tabuisierte verdrängt oder abgespalten. Die abgewehrten Glaubenszweifel aber können wiederkehren, indem sie an denen bekämpft werden, die sie offen repräsentieren: an den Andersgläubigen und Ungläubigen. An ihnen werden die verpönten Glaubenszweifel identifiziert, die am eigenen Selbst nicht toleriert werden können, auf sie wird der geheime Hass auf den eigenen Gott verschoben. Das, was am eigenen Gott, der die Welt so schlecht regiert, insgeheim gehasst wird, kehrt in den teuflischen Zügen wieder, mit denen die auf Leben und Tod zu bekämpfenden Feinde Gottes ausgestattet werden. 

Besonders deutlich kommt dies im christlichen Antisemitismus zum Ausdruck, der die christliche Tradition über Jahrhunderte begleitete. Gegen die Juden werden vor allem zwei Vorwürfe erhoben: sie sollen Gott getötet haben und sie glauben nicht an Jesus als den Messias. Sie repräsentieren damit insgeheim die Glaubenszweifel von Christen, die ihren grausamen Gott gewaltsam vom Thron stürzen wollen und die Zweifel daran haben, dass sie, wie das Christentum lehrt, durch Jesus bereits an der Erlösung teilhaben. Der Hass auf die Juden ist also ein geheimer Hass auf den christlichen Gott, der an den Juden projektiv identifiziert wird. Martin Luther nennt die Juden „ein verzweifelt, durchböset, durchgiftet, durchteufelt Ding“ und fordert: „dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich“. „Dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben dasselbe drinnen, was sie in den Schulen treiben. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien und solch öffentlich Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gebilligt haben“. (zitiert nach Deschner 1971, S. 457) Was an Luther selber „verzweifelt“, und „durchböset“ ist, und seinen Gott „lästern“ und „fluchen“ will, muss er mit Hilfe seines Hasses auf die Juden bekämpfen. Die Juden, mit denen gläubige Christen eigentlich Mitleid haben müssten, weil sie den Zugang zum rechten Glauben noch nicht gefunden haben, werden gehasst, weil Christen an ihren Gott der Liebe nicht wirklich zu glauben in der Lage sind. 

Natürlich sind die christlichen Kirchen unter dem wachsenden Einfluss der Aufklärung bzw. ihrer schwindenden Macht heute sehr viel offener und toleranter geworden. Trotzdem hat, was oben festgestellt wurde, auch für die Gegenwart noch Bedeutung. Öffnen sich die Kirchen dem Zweifel und damit dem kritischen Vernunftgebrauch, wird ihr Glaube von der Vernichtung durch die Aufklärung bedroht, wehren sie diese ab, zeigen sie eine Tendenz zum gewaltbereiten Fundamentalismus. Im Monotheismus ist deshalb immer eine fundamentalistische Tendenz enthalten, mit deren Hilfe der Zweifel an eigenen Illusionen an Anderen bekämpft wird. In der Gegenwart tritt er als intoleranter christlicher, muslimischer, oder jüdischer Fundamentalismus in Erscheinung, der die Bedrohung des Glaubens durch die westliche Moderne abwehren möchte. Aufgrund von deren Krisentendenzen dürfte er leider an Bedeutung gewinnen. Sie bringen kollektive Regressionen mit sich, die zu besonders fragwürdigen Formen des Religiösen drängen und zugleich die Macht des aufklärenden Denkens schwächen.
 

Das Fortwirken des Religiösen in der Psychoanalyse

Freud sieht zurecht zwischen Religion und Wissenschaft grundlegende Differenzen. Trotzdem ist das Verhältnis von Religion und Wissenschaft komplizierter, als er es darstellt. Eine Psychoanalyse des wissenschaftlichen Denkens, als eine notwendige Form der Selbstkritik der Aufklärung, die viel von Freuds Religionskritik lernen könnte, kann nämlich zeigen, dass Religion und Wissenschaft enger verwandt sind, als es Freud lieb ist. Was Freud an der Religion ausgemacht hat, hat nämlich auch in der Wissenschaft Einfluss.


Für Freud gilt: „Die Vatersehnsucht ist die Wurzel des religiösen Bedürfnisses.“ (Freud 1927, S. 344) Sie ist aber auch eine zentrale Wurzel der Freudschen Psychoanalyse. Schon in seinem Text „Die Zukunft einer Illusion“ taucht Freuds Vatersehsucht auf: Er setzt dort auf große Männer, also Vaterfiguren, die für ihn alleine die Kultur und die Wissenschaft gegen dumpfe Massen voranbringen. Freud hat sich immer wieder mit Moses, dem Gründervater der Israeliten, beschäftigt und, wie zum Beispiel Grubrich-Simitis aufgezeigt hat (siehe hierzu Grubrich-Smitis 1990), bei ihm in Phasen der schmerzlichen Isolation psychischen Halt gesucht. Ein großer Teil von Freuds Selbstanalyse ist um den Tod seines Vaters zentriert. In der Einleitung zur Traumdeutung schreibt er: „Sie erwies sich mir als meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutendste Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes.“ (Freud 1900, S. X) Dieser Verlust bedeutet Trauerarbeit, die immer mit Vatersehnsucht verbunden ist. (Natürlich geht es bei der Trauerarbeit nicht nur um Liebesehnsucht, sondern immer auch um die Bearbeitung von Tötungswünschen und der mit ihnen verbundenen Schuld.) Der Einfluss der Sehnsucht nach dem toten Vater hat also Freud, nach seinem eigenen Bekunden, zum Vater der Psychoanalyse gemacht. In Freuds Schrift „Totem und Tabu“ (Freud 1912) taucht die Vatersehnsucht als Wurzel aller Kultur und damit wohl auch der Wissenschaft auf. Ihr zufolge erschlagen die Söhne einer Urhode ihren Vater und richten dann, aus Sehnsucht nach ihm, die in der Liebe zu ihm wurzelt, das Bild des toten Vaters in sich auf, womit nach Freund die Kultur beginnt. Dieses Drama wiederholt sich nach Freud symbolisch als ödipales während jeder Subjektwerdung. 

Die Hinweise auf Freuds Beziehungen zu idealisierbaren Vaterautoritäten lassen erkennen, dass seine intellektuelle Produktivität mit ihnen verknüpft war. Ohne den ursprünglich mit dem Ödipuskomplex verbundenen Wunsch von Kindern und Heranwachsenden, es idealisierbaren Vaterfiguren durch intellektuelle Leistungen gleichzutun und sie dann zu überholen, entwickelt sich keine Basis für das Begehren nach wissenschaftlichen Leistungen. Schon die frühesten Beziehungen zum Vater, die die Aufsprengung der Einheit mit der Mutter begünstigen, helfen die Basis einer psychischen Ordnung zu erzeugen, die später theoretisches Denken ermöglicht. Die Ordnungsstrukturen des Väterlichen, die gegen das Zerfließen und die Aufhebung von Grenzen gerichtet sind, machen erst theoretisches Denken möglich. Es kann seine Ordnungen nur stiften, wenn es frühe väterliche Ordnungsmächte in sich aufhebt. Wo die realen Väter gegenüber den Wünschen ihrer Kinder notwendig versagen müssen und auch ihre göttlichen Verwandten keinen Halt mehr versprechen, kann sich, unter günstigen Umständen, in den Heranwachsenden der Wunsch entwickeln, mit Hilfe der Vernunft Ordnungen zu suchen, in denen die Menschen eher zu ihrem Recht kommen als in der desillusionierten Welt der infantilen Vatersehnsucht. Die Vatersehnsucht kann dann nur in der Vernunft aufgehoben fortwirken. Kritisches Denken lebt also von auf das Väterliche gerichteten Wünschen, wie von deren notwendiger Enttäuschung. Wenn aber das Begehren nach Wahrheit von der Beziehung zu idealisierbaren Vaterfiguren abhängig ist, mit denen man sich mit zunehmender Reife kritisch auseinandersetzen kann, muss es mit der schwindenden Macht der Väter im modernen sozialen Getriebe an Einfluss verlieren. 

Nicht nur die Vatersehnsucht wirkt auf Freuds Denken ein, auch die, Freud zufolge, mit ihr verbundene Gottvorstellung beeinflusst dieses noch. Die Psychoanalyse ist für Freud eine Schule der Wahrheit. Gegenüber Einstein äußert er: „Dass ich nach Möglichkeit immer die Wahrheit sage, rechne ich mir nicht mehr zum Verdienst an, es ist mein Metier geworden.“ (zitiert nach Gay 1989, S. 4) Freud, der von sich behauptet, ein „absolut Ungläubiger“ (zitiert nach Gay 1988, S. 49) zu sein, der also jede Bindung an eine göttliche Autorität ablehnt, akzeptiert emphatisch eine andere Bindung seines Denkens: die an die Wahrheit. „Die Wahrheit“, schreibt er an Sandor Ferenczi, „ist mir das absolute Ziel der Wissenschaft.“ (zitiert nach Gay 1989, S. 4) Besonders emphatisch und unerbittlich vertritt Freud den Wahrheitsanspruch seiner Wissenschaft gegenüber der Religion. Gegen deren Anhänger formuliert er: „Es ist nun einmal so, daß die Wahrheit nicht tolerant sein kann, keine Kompromisse und Einschränkungen zuläßt, daß die Forschung alle Gebiete menschlicher Tätigkeit als ihr eigen betrachtet und unerbittlich kritisch werden muß, wenn eine andere Macht ein Stück davon für sich beschlagnahmen will.“ (Freud 1933, S. 173) Diese Unerbittlichkeit Freuds erinnert an die Unerbittlichkeit seines religiösen Gegners. Moses verordnet mit seinem Ersten Gebot die unumstößliche Wahrheit des alleinigen Gottes: „Ich bin der Herr, dein Gott, [...] Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ (2. Moses 20, 2, 3) Nietzsche, der Freud die kritische Distanz gegenüber der Wissenschaft voraus hat, hat in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ deutlich zu machen versucht, dass diese eigentümliche Verwandtschaft keineswegs als zufällig anzusehen ist. Der Wille, sich nicht täuschen zu lassen und unter allen Umständen an einer einmal erkannten Wahrheit festzuhalten, der den seriösen Wissenschaftler, und sicherlich ganz besonders auch Freud auszeichnet, hat für Nietzsche nichts mit irgendeinem Nützlichkeitskalkül sondern mit einer noch wirksamen Bindung an einen monotheistischen Gottesbegriff zu tun. Dieser Wille ist für ihn an eine Moral gebunden, für die die Wahrheit noch etwas Göttliches an sich hat. „Doch man wird es begriffen haben, worauf ich hinaus will, nämlich, daß es immer noch metaphysischer Glaube ist, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht - daß auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, der Christenglaube, der auch der Glaube Platos war, daß Gott die Wahrheit ist, daß die Wahrheit göttlich ist.“ (Nietzsche 1994, S. 208) Freud hat zwar den Begriff der objektiven Wahrheit ins Wanken gebracht, indem er auf die Bedeutung von Konstruktionen in der psychoanalytischen Therapie hingewiesen hat, aber zugleich vertritt er einen sehr emphatischen Wahrheitsbegriff, in dem die religiöse Tradition des Judentums fortwirkt und ohne den er sein Werk nicht hätte zustande bringen können. Freud hat mit der Entdeckung des Unbewussten Grenzen der Vernunft sichtbar gemacht, er hat aufgezeigt, dass wir unser „inneres Ausland“ nur begrenzt und nie direkt erfassen können. Diese bedrohliche Grenzverschiebung gegenüber den Untiefen des Unbewussten konnte er nur aushalten, weil er an einer Wahrheitsutopie Halt fand, die an das Väterliche gebunden ist. 

Das jüdisch-christliche Denken hat das Bewusstsein der Einheit von Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit hervorgebracht. Sie sind in Gott miteinander verbunden. Er repräsentiert mit seinem allumfassenden Wissen eine Wahrheit, vor der nichts verborgen bleiben kann, er erscheint als Gott der Liebe und verspricht zumindest im Jenseits eine ausgleichende Gerechtigkeit, die die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Die Vatersehnsucht, die für Freud die Religion auflädt, enthält also die Sehnsucht nach einer Macht, die Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit, wenn schon nicht in dieser, so doch zumindest in einer anderen Welt Geltung verschafft. Der ideale Vater, nach dem das Kind sich sehnt, verkörpert diese drei Elemente in seiner Beziehung ihm gegenüber. Im aufklärerischen Denken wirkt die ursprünglich von der Religion gestiftete Einheit von Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit fort. Die auf Wahrheitssuche ausgerichtete menschliche Vernunft soll den aufklärerischen Intentionen zufolge mehr Liebe, Solidarität und soziale Gerechtigkeit in die Welt bringen. Das heute gängige wissenschaftliche Denken hat hingegen nicht nur den Begriff der Wahrheit weitgehend außer Kraft gesetzt, es hat auch seine Verbindung mit der Liebe und der Gerechtigkeit aufgelöst. Im modernen, positivistisch geprägten Wissenschaftsverständnis kann die Wissenschaft in den Dienst ganz verschiedener Ziele und Interessen treten und ist nicht mehr an eine objektive Wahrheit gebunden. In Freuds Denken wirkt hingegen die ursprünglich mit dem Vatergott verknüpfte Tradition, die die Wahrheitssuche mit Liebe und Gerechtigkeit verknüpft, in freilich veränderter Form fort. Die psychoanalytische Praxis hat gezeigt, dass psychologische Aufklärung und Liebe miteinander verwandt sind. Intellektuelle Hemmungen haben ihrer Einsicht nach mit Hemmungen der Liebesfähigkeit zu tun, ebenso wie umgekehrt die Freisetzung von Liebesfähigkeit mit der Entwicklung intellektueller Möglichkeiten verbunden ist. In der Analyse zeigt sich, dass die Kraft, die es erlaubt, bisher verdrängte traumatische Erfahrungen bewusster zu bearbeiten, von positiven Übertragungen herrührt. Sie ist also an Liebesbindungen zum Analytiker gebunden, die aus früheren Liebesbindungen hervorgehen. Nur die Übernahme von Kräften aus früheren Liebesbindungen erlaubt es, sich den schmerzlichen Geheimnissen der individuellen Geschichte bewusster zu stellen. Die Liebe verleiht die Kraft, die Wahrheit der eigenen Existenz bewusster auszuhalten, wie umgekehrt die Einsicht in den Sinn der Symptome, d. h. in bisher verdrängte Kapitel der individuellen Geschichte, die lebendige Liebesfähigkeit befreien kann. Die Veränderungen, die die Psychoanalyse anstrebt, haben auch - obwohl das weniger deutlich wird - mit dem Streben nach Gerechtigkeit zu tun. Es geht der Psychoanalyse darum, der seelischen Abweichung mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und Menschen zu helfen, die unter einer unverhältnismäßigen Einschränkung ihrer Triebhaftigkeit leiden. Freud plädiert auch für eine gerechtere Verteilung von für die Aufrechterhaltung der Kultur notwendigen Triebversagungen, die ihr allein mehr Stabilität verleihen kann. 


Kapitalismus und Religion

Liebe, Wahrheit oder Gerechtigkeit sind für das Judentum und das Christentum Attribute Gottes, der für eine bessere jenseitige Welt steht. Die Aufklärung hat sie von der Gottesgestalt abgelöst und in Zielvorstellungen verwandelt, die kritisch gegen bestehende Verhältnisse gerichtet werden können. Der Gott, der die Liebe, die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu sein verspricht, reduziert sich mit seinem Verschwinden auf Idealforderungen, die mit diesen Begriffen verbunden sind, welche gegen das Schlechte in dieser Welt stehen. Solange die Vernunft an solchen Idealen festhält, lebt in ihr, in abgewandelter Form, noch etwas von der religiösen Metaphysik fort. Wer sich, mit der Absage an religiöse Gottesgestalten zugleich auch von der Bindung an solche Ideale bei der Analyse bestehender Verhältnisse verabschieden will, befreit sich damit keineswegs von fragwürdigen Bindungen seines Bewusstseins. Die sogenannten Realisten ähneln nämlich meist Frommen: sie verleihen dem Existierenden eine Art Gottgegebenheit, der man sich gläubig zu fügen hat. Wer völlig auf jeden utopischen Horizont seines Denkens verzichten will, landet bei der Vergötzung und illusionären Aufladung von Bestehendem. Wo dem Denken ein utopischer Horizont fehlt, der Distanz zum Bestehenden schafft, ist es nicht in der Lage, sich seinen Schattenseiten und Abgründen wirklich zu stellen. 


In unserer Epoche, die vom universellen Triumph des Kapitalismus bestimmt ist, gelten vor allem diejenigen als nüchterne, illusionslose Realisten, die seine ökonomischen Gesetzmäßigkeiten bejahen und in der wirtschaftlichen Konkurrenz kalkuliert ihre Interessen zur Geltung bringen. Aber eine genauere Analyse kann sichtbar machen, dass ihr scheinbar nur rationales Verhalten insgeheim eine Art religiöser Aufladung enthält. 

Wo in der Gegenwart der religiöse Glaube zu verschwinden scheint, kann er sich undurchschaut an verselbständigte ökonomische Gesetzmäßigkeiten heften, die das Schicksal der Menschen bestimmen. Schon die Marxsche Religionskritik hat eine Verwandtschaft zwischen beiden ausgemacht, indem sie hinter religiösen Mächten von Menschen erzeugte ökonomische Mächte ausgemacht hat, die sich ihnen gegenüber verselbständigt haben. Es gibt in der Gegenwart nicht nur einen religiösen Fundamentalismus, es gibt im Zeitalter des Neoliberalismus auch eine Art von Marktfundamentalismus. Dieser verspricht das soziale Heil - entgegen vielen Erfahrungen - vom möglichst ungehinderten Wirken von Marktkräften, denen sich die Menschen anpassen sollen. Dieser Glaube hatte vor allem zu Beginn der Ära des Kapitalismus schon viele Anhänger. Die mit der Aufklärung sympathisierende Linke wollte hingegen die stumme, unpersönliche Macht ökonomischer Gesetzmäßigkeiten durch die demokratische politische Gestaltung ökonomischer Prozesse als Basis einer alternativen Form der Vergesellschaftung ersetzen. Mit ihrem Scheitern ereignet sich eine Art kollektive historische Regression zu Glaubensformen des Frühkapitalismus, die mit der Ökonomie verbunden sind. Auf ihr geheimes Wirken soll unter Verwendung von Max Webers Text „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ hingewiesen werden. 

In diesem Werk hat Weber die enge Verbindung von Kapitalismus und Calvinismus in den angelsächsischen Ländern aufgezeigt. Sein Geist war, Weber zufolge, für die Entwicklung des Kapitalismus besonders förderlich. Was sind die zentralen Gedanken von Webers Analyse? Ein für den menschlichen Verstand nicht fassbarer, verborgener Gott, dessen Gnadenwahl kaum durch menschliches Handeln beeinflussbar ist, droht Weber zufolge im Calvinismus, bei denen, die ihr Heil bei ihm suchen „ein Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des einzelnen Individuums“ (Weber 1988, S. 93) hervorzurufen. Um diesem unerträglichen Gefühl zu entkommen, kann es die Seelsoge zur Pflicht machen, „sich für erwählt zu halten und den Zweifel daran als Anfechtung des Teufels abzuweisen.“ (Ebd., S. 105) Diese Selbstgewissheit zu verschaffen, vermag kein kirchliches sakramentales Heilsversprechen oder die Suche nach einem von Gott gestifteten Sinn der Geschichte, an dessen Verwirklichung man sich beteiligen kann, sondern allenfalls die Erfolge in der rastlosen Berufsarbeit, das Sich-Behaupten in der ökonomischen Konkurrenz. „An die Stelle der demütigen Sünder, denen Luther .... die Gnade verheißt, werden jene selbstgewissen 'Heiligen' gezüchtet, die wir in den stahlharten puritanischen Geschäftsleuten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus und in einzelnen Exemplaren bis in die Gegenwart wiederfinden. Und andererseits wurde, um jene Selbstgewissheit zu erlangen, als hervorragendes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie und sie nur allein verscheuche den religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes.“ (Ebd., S. 105f) Die Erfahrung der Nähe zu einem an sich unfassbaren göttlichen Gnadenstand hängt also vom ökonomischen Erfolg ab, der Hinweise auf diesen geben kann. Eine „innerweltlichen Askese“, die an die Stelle der religiösen Askese tritt und auf der systematischen Selbstkontrolle und Zähmung die Sinnlichkeit im Dienste des beruflichen Erfolgs basiert, gibt allein die Hoffnung zu erfahren, dass man nicht zu den von Gott Verworfenen gehört. Die „entzauberte Welt“ der Ökonomie, die keinen sie transzendierenden Sinn erkennen lässt und in der es oberflächlich betrachtet nur um Nutzenkalküle geht, wird so paradoxerweise zum Ort, an dem um ein religiöses Heil gerungen wird. Der Glaube, der nichts mehr erkennen kann, was das Bestehende transzendiert, sucht, um der Verzweiflung zu entkommen, einen Halt im sinnentlehrten Getriebe der Ökonomie. 

Max Webers Analyse ist, wie mir scheint, wenn man sie uminterpretiert nutzt, höchst aktuell. Wir leben heute in einer Welt, in der nicht nur der traditionelle christliche Glaube an eine bessere Welt im Jenseits weitgehend abhanden gekommen ist, sondern auch der ihm nachfolgende Glaube der Aufklärung an eine bessere Welt im Diesseits, wie er etwa mit dem Sozialismus verbunden wurde. Ein das Bestehende transzendierendes Anderes scheint den meisten Menschen heute so unfassbar und unerreichbar wie den strengen Calvinisten ihr fremder Gott. Es scheint für sie nichts mehr Fassbares zu geben, das dem eigenen Leben und Handeln einen gesicherten Sinn verleihen kann, was über das Bestehende hinausweist. Damit verschwindet aber ein vom Wünschen bestimmter illusionärer Glaube nicht aus der Welt, er heftet sich vielmehr undurchschaut an das Funktionieren einer immer totalitärer werdenden kapitalistischen Ökonomie, vor der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Sie ist dann keineswegs nur ein Ort, an dem es um die Produktion, Verteilung und Konsumtion von Gütern geht, sondern auch um das, was man früher „Seelenheil“ nannte, also darum zu erfahren, ob man vom Schicksal, das einmal Gott hieß, auserwählt ist oder verworfen wird. Die in der Konkurrenz Gescheiterten, die Überzähligen, die für das Funktionieren der Ökonomie nicht gebraucht werden, können sich insgeheim als von göttlichen Mächten verlassen erleben, während die Erfolgreichen sich als von ihnen erwählt fühlen können, auch wenn beide das nicht mehr auf traditionelle religiöse Art erleben. 

Die Arbeitslosenforschung zeigt, dass Arbeitslose sich sehr häufig als völlig wertlos erleben, dass sie zu Depressionen und selbstzerstörerischem Handeln neigen. Das bedeutet psychoanalytisch, dass sie sich unbewusst als von guten Objekten aus der Kindheit verlassen fühlen, dass bedrohliche Objektrepräsentanzen aus dieser Zeit sie zu vernichten drohen. Es bedeutet, dass der Hass auf die als versagend erlebten verinnerlichen Schicksalsmächte aus der Kindheit die Gestalt des mit Schuld und Scham verbundenen Selbsthasses annimmt, dem keine liebende innere Macht entgegentritt. Die ökonomisch Siegreichen hingegen können nicht nur materielle Privilegien und soziales Prestige erlangen, sie können durch ihr erfolgreiches rastloses ökonomisches Streben auch einen Mangel an innerem Halt und Sicherheit kompensieren und sich dadurch von ihren verinnerlichten Schicksalsmächten eher angenommen fühlen. Hinter Gottesgestalten hat die Psychoanalyse das Fortwirken von einst als ungeheuer machtvoll erfahrenen elterlichen Schicksalsmächten aus der Kindheit ausgemacht, deren Imagines im Unbewussten fortwirken. Wir alle bleiben an diese Art göttlicher Mächte in unserem Innern gebunden, auf fatale Art aber besonders diejenigen, denen die verselbständigten ökonomischen Mächte als unabänderliche Schicksalsmächte erscheinen, denen sie sich zu unterwerfen haben und die so über ihren Wert oder Unwert entscheiden.


Fußball als Religionsersatz

Der kollektivierte Glaube an die Gesetze des stummen Zwangs der Ökonomie reicht nicht aus, um in der gegenwärtigen Gesellschaft das Erleben eines sozialen Zusammenhalts zu stiften, zumal diese durch die ökonomische Konkurrenz zunehmend atomisiert wird. Dazu ist ein emotional anders besetzbarer sozialer Kitt notwendig, wie ihn zum Beispiel der Fußballsport zur Verfügung stellt. Die Fußballstadien haben als Orte der ritualisierten Stiftung eines illusionären sozialen Zusammenhalts die Kirchen längst überrundet. 


Der Fußballsport, der heute vor allem als kommerziell organisierter Showsport die Massen ergreift, wird von Vereinen organisiert, die als Unternehmen der Unterhaltungsindustrie die Darbietungen ihrer Athleten als Ware an ein sie bezahlendes Publikum verkaufen. Trainer und Aktive im kommerziellen Fußball verkaufen ihre Fähigkeiten an die Unternehmen, die ihnen die größten ökonomischen Vorteile versprechen. Bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes spielt die Bindung an eine Stadt, eine Region oder ein Land üblicherweise kaum eine Rolle. Auch eine besondere Bindung an die dort lebenden Populationen ist üblicherweise nicht vorhanden, sie widerspricht ihren, auf den flexiblen Ortswechsel angewiesenen kommerziellen Interessen. Obwohl sie keine besondere Beziehung zu ihren Anhängern zu haben brauchen, erleben diese sie paradoxerweise als ihre sehr stark emotional besetzen Repräsentanten. Wenn sie ein Fußballspiel gewinnen, gilt für die Fans, obwohl ihre sportliche Leistungsfähigkeit dabei nicht im Spiel ist: „Wir haben gewonnen.“ Die enorme sozialpsychologische Bedeutung des Fußballsports ist also auf ein illusionäres Wir-Gefühl angewiesen, von dessen narzisstischer Aufladung die Fußballbegeisterung lebt. 

Freud hat in seinem Text „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (Freud 1921) Massenphänomene in institutionalisierten Massen noch am Beispiel der Kirchen analysiert, heute finden sie eher in den Fußballarenen ihren idealen Ort. Massenbindungen kommen Freud zufolge dadurch zustande, dass sich Menschen mit Führerfiguren identifizieren, deren Imago an die Stelle ihres Ich-Ideals tritt. Die Identifikation von Vielen mit denselben Führerfiguren stiftet zugleich deren Identifikation untereinander. Verbunden mit ihren Führerfiguren können sie sich untereinander auf illusionäre Art als eng verbunden erleben. Dies kann zur lustvollen Freisetzung von sonst abgewehrten Triebregungen und Emotionen führen. 

Im Stadion, und vermittelt über die Massenmedien auch anderswo, kommt es zu einer kollektiven Identifikation mit den Aktiven einer erfolgreichen Mannschaft. Wenn sie gewonnen hat, fühlen auch ihre Anhänger sich als Sieger. Der Wunsch nach dem gemeinsamen narzisstischen Triumph erlaubt das Erleben einer illusionären engen Verbundenheit zwischen Menschen, die sich sonst im Alltag fremd, gleichgültig oder gar feindlich gegenüberstehen. Die trennenden Konflikte zwischen Armen und Reichen, Jungen und Alten oder Frauen und Männern, an deren rationale Austragung der soziale Fortschritt gebunden ist, werden im Erleben der gemeinsamen Fußballbegeisterung neutralisiert. Keine andere Sportart erfreut sich bei allen Bevölkerungsgruppen einer ähnlichen Beliebtheit. Die gemeinsame Bindung an die erfolgreichen Idole erzeugt einen Ersatz für die Erfahrung von wirklicher sozialer Verbundenheit, an der es in der Konkurrenzgesellschaft mangelt. Der miterlebte Sporttriumph soll zugleich wenigstens für einige Zeit für die Niederlagen in den Rivalitätskonflikten des Alltags entschädigen. Mit der Erfahrung von sozialer Ohnmacht verbundene narzisstische Kränkungen sollen durch ihn kompensiert werden. Mit der Zunahme gesellschaftlicher Krisentendenzen wächst die suchthafte Bindung an derartige Ersatzbefriedigungen. 

Die Sportstars repräsentieren eine moderne Variante der von Max Weber untersuchten innerweltlichen Askese, die es Menschen erlauben soll, sich durch eigene Anstrengungen als Auserwählte zu erleben. Ihre Einstellungen ähneln in Vielem denen ihrer protestantischen Vorgänger. Sie verdanken ihre sportlichen Erfolge einer unermüdlichen, rastlosen körperlichen und seelischen Anstrengung, gegenüber anderen bevorzugt zu werden und zu den Auserwählten einer Spitzenmannschaft zu gehören. Sie haben ihre Jugend der Anstrengung unterworfen, mit Hilfe sportlicher Erfolge soviel Anerkennung zu erfahren, dass sie weniger von der Erfahrung kränkender Bedeutungslosigkeit und belastender innerer Leere bedroht sind. Sie haben ihr Leben der Sittlichkeit ihres Sports unterworfen, die den unbefangenen Genuss der Sinnlichkeit und das Sich-Gehenlassen verbietet. Wo sie sich öffentlich konsumfreundlicher geben als ihre protestantischen Vorgänger, zeigt ihr Genuss meist werbewirksame ostentative Züge und gehorcht auch einer Art sportlichen Leistungsmoral. Sie sind aufgrund ihrer Erfolge die Idole der Medien, in deren Schatten die meisten Menschen verschwinden. Diejenigen, die trotz aller Anstrengungen im alltäglichen Konkurrenzkampf zu den anonymen Verlierern gehören oder zu gehören drohen, setzen ihre Hoffnung auf sie. Sie sollen ihre Heilsbringer sein! Sie wollen im Stadion, identifiziert mit ihnen als den auserwählten Siegern, die rauschhafte Entgrenzung einer kollektiven narzisstischen Himmelfahrt erleben.

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Literaturverzeichnis
Deschner, K.: Abermals krähte der Hahn. Stuttgart 1971
Freud, S.: Gesammelte Werke. S. Fischer. Frankfurt/M. 1940ff
- Die Traumdeutung. (1900)
- Das Unbehagen in der Kultur. (1930)
- Die Zukunft einer Illusion. (1927)
- Massenpsychologie und Ich-Analyse. (1921)
- Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (1933)
- Totem und Tabu. (1912)
- Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (1917)
Gay, P.: Ein gottloser Jude, Frankfurt 1988
Gay, P.: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit, Frankfurt 1989
Grubrich-Smitis I.: Freuds Moses-Studie als Tagtraum. Psyche 4. 1990
Luther Deutsch, Bd. 9 - Tischreden, Hg. K. Aland, Stuttgart 1960
Nietzsche, F.: Die fröhliche Wissenschaft. In: Nietzsche, Werke in drei Bänden, Darmstadt 1994, Bd. II
Vinnai, G.: Jesus und Ödipus, Frankfurt 1999, oder online: http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2006/578/
Weber, M.: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 1988
 
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