Prof. Dr. Gerhard Vinnai
UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Institut für Kulturforschung und Bildung
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Fußballsport als Ideologie
Europ. Verlagsanst. (1970), Frankfurt a. M. - vergriffen -

Durchgesehene digitale Ausgabe 2006, mit aktuellem Vorwort, hier zum Download.



fussballbuch
Zu diesem Buch:

Einzig der Sport bewegt die Massen noch massenhaft; er bewegt sie im Interesse irrationaler gesellschaftlicher Verhältnisse. Wenn die Herrschaft fest im Sattel sitzen soll, darf Freizeit nicht in Freiheit umschlagen - der Sport sorgt dafür.

Wo sich nach Ansicht der Sportideologen spielerisches Treiben entfaltet, werden in Wahrheit Elemente der fremdbestimmten Arbeitswelt verdoppelt, bekommen die Menschen die Rationalität des Kapitals eingebläut, herrscht die Vernunft des Profits. Unter dem Schein der freien Entfaltung verhindert der Sport, dass der Körper dem lebendigen Genuss zur Verfügung steht, zementiert er das Realitätsprinzip einer Gesellschaft, die Körper und Seele von einer wildgewordenen Ökonomie ausbeuten lässt. Auf dem Sportplatz wird das reibungslose Funktionieren geübt, werden die Bedürfnisse so manipuliert, dass ihr subversives Moment nicht zum Tragen kommt: die Pseudoaktivität mit dem Lederball kanalisiert die Energien, die das »Gehäuse der Hörigkeit« sprengen könnten. Der Fußballsport erzieht den Typus Mann, der zum robusten Einsatz seiner Kräfte unter der Anleitung anderer bereit ist. Die gesellschaftliche Unvernunft begnügt sich nicht damit, falsches Bewusstsein auszusäen, sie programmiert die Psyche mit Mustern eines Verhaltens, das sich der Übermacht der Verhältnisse fügt - nicht zuletzt mit Hilfe des Sports. Für die Sportanhänger gilt die Maxime eines autoritätsfixierten, masochistischen Charakters, die das Fortbestehen repressiver, demokratisch nicht kontrollierter gesellschaftlicher Verhältnisse ermöglicht: »Sich quälen ohne zu klagen ist die höchste Tugend, nicht die Abschaffung oder wenigstens die Verringerung des Leidens.« Die Tore auf dem Fußballfeld sind die Eigentore der Beherrschten.

Der Fußballkult ist unserer Gesellschaft zu einer Art Lebensersatz geworden. Die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zur Fußballweltmeisterschaft 2006, verbunden mit wirtschaftlichen Interessen, kulturindustriell angeheizte Fußballbegeisterung macht dies besonders sichtbar. Viele Intellektuelle, die sonst noch halbwegs bei Verstand sind, verspüren heute den Drang, sich als Fußballfans zu outen, anstatt, wie es ihre Aufgabe wäre, kritisch über die soziale Rolle des Fußballsports nachzudenken. Das rechtfertigt es, dass ein älterer Text, der eine grundlegende Kritik des Fußballsports versucht, wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Die Kritik, die er übt, mag problematische Züge tragen oder in manchem veraltet sein, sie hat aber leider, wie zu fürchten ist, noch an Aktualität gewonnen.

Die Analyse der soziologischen, sozial- und individualpsychologischen Funktionen des Fußballsports bleibt nicht bei einer allgemeiner Ideologiekritik stehen. Im einzelnen wird u. a. diskutiert: die Geschichte des Fußballsports, die verschiedenen Spielsysteme und Trainingsmethoden, die Bürokratisierung des Sportbetriebs, die Profitchancen der Vereine, die Funktion von Sportstars, der Fußballsport als Sozialisationsinstanz oder die Ursachen der Fußballbegeisterung.



Inhalt:

Vorwort zur Wiederveröffentlichung 2006 I-XII

Vorwort der Herausgeber 7
Massensport: Sozialtherapie (Konrad Lorenz) oder Organisation von Unmündigkeit und Frustration?

Vorwort des Autors 9
Die Notwendigkeit einer kritischen Analyse des Massensports: Die Tore auf dem Fußballfeld sind die Eigentore der Beherrschten!

Fußballsport als Freizeitphänomen 11
Muße-Spiel-Sport / Lustprinzip und Leistungsprinzip / ›Frei‹zeit zur Reproduktion der Arbeitskraft / Freizeit-Industrie

Fußballsport als Verdoppelung der Arbeitswelt 14
Sport und Spiel: Die gängige Sportideologie (Carl Diem) / Das Verhältnis von Quantität und Qualität / Die Organisation des Sports als Profitquelle: Leistungssport und Gewinnkalkulation / Die Auswechselbarkeit der Aktiven / ›Mechanisierung‹ des Sports / Leistungssport als entfremdete Arbeit / Die notwendigen Qualitäten eines Spitzenspielers / Moderne Methoden im Fußballtraining (J. Palfai) / Fußballsport als Showgeschäft

Exkurs: Zur Ausgleichsfunktion des Sports 23
Was heißt ›Kultur‹ des Körpers? / Gängige Trainingslehre / Leibeserziehung als Unterdrückung der Lust

Fußballsport als Leistungssport 26
Parallelen zwischen Leistungssport und Mehrwertproduktion (Von der extensiven zur intensiven Nutzung von Energie) / Kooperation und Arbeitsteilung (Die verschiedenen Spielsysteme: WM-System in den 50er Jahren, 4-2-4 oder 4-3-3-System heute, rollende Systeme) / Die Kommandoverhältnisse / Training nach REFA-Methoden / Sportverwaltung / Vereinsbürokratie und Verbandsbürokratie

Zum Warencharakter des Fußballsports 40
Berufsfußball: Vereine als Wirtschaftsunternehmen / Berufsspieler / Spielermärkte / Das Amateurproblem / Konzentrationstendenzen: Die Bundesliga / Die Funktion der Verbände

Sportpublizistik: Presse, Funk und Fernsehen / Der Einfluß der Massenmedien auf das Sportgeschehen 49

Toto: Das Geschäft des Staates 51

Betriebssport: Betriebsgemeinschaft/Sozialpartnerschaft / Sport im Dienst der Unternehmensleitung 52

Sport und Werbung: Sport als Träger kommerzieller und politischer Werbung 53

Fußballsport und Sozialisation 57
Sport als Instrument der Außenleitung des Verhaltens / Sport und Homosexualität / Das Erlernen der Geschlechtsrollen beim Sport / Pseudoödipale Verhaltensmuster auf dem Fußballfeld / Eine moderne Variante von Pubertätsriten

Exkurs: Magische Praktiken beim Fußballsport 72

Fußballsport und Narzißmus 75
Ersatzbefriedigung: Sport kompensiert Versagungen in der Arbeitssphäre / Narzißtische Gratifikationen für Aktive und Zuschauer / Sportstars als Ich-Ideale / Sport und repressive Identifikation / Nationalismus

Fußballsport und Aggressivität 83
Entladung aufgestauter Aggressivität, Affektentlastung / Der Fußballjargon / Die zunehmende Reglementierung aggressiven Körpereinsatzes / Rituale zur Dämpfung der Aggression / Sport und Masochismus / Der Sport bestärkt und produziert autoritär-masochistische Charakterstrukturen

Exkurs: Sport und Militär 92
Sport als Vorstufe militärischen Einsatzes / Turnvater Jahn / Preußisches Schulturnen / Baron de Coubertin und der Imperialismus / Sport und Faschismus / Sport und Bundeswehr

Zum Wandel des Ideologiebegriffs 96

Nachbemerkungen: Praktische Konsequenzen 105

Literaturliste 107
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