Prof. Dr. Gerhard Vinnai
UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften
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Hitler – Scheitern und Vernichtungswut.
Zur Genese des faschistischen Täters.

Psychosozial-Verlag, Gießen 2004, ISBN: 3-89806-341-0, Paperback, 298 Seiten,
Preisinfo: 24, 90 Euro, Aus der Reihe: Psyche u. Gesellschaft.

Titelbild








"Vinnais Betonung der Bedeutung der traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges für Hitlers Psychologie, ganz besonders für die Entwicklung seines Vernichtungswillens und, zentral dazu, seines nun pathologischen, schon im Kern völkermörderischen, Antisemitismus, ist das Beste, was ich zu diesem Thema gelesen habe."

Ian Kershaw

THE UNIVERSITY OF SHEFFIELD
Department of History                                                           

 
Angaben zum Buch

Inhaltsangabe:
Gerhard Vinnai zeigt in seinem Buch, wie jemand zum Nationalsozialisten und zum Massenmörder wird: es geht ihm um die Psychologie des faschistischen Täters. Das Buch zeigt, unter welchen Umständen in der Psyche von Einzelnen und sozialen Gruppen ein zerstörerisches Potential erzeugt wird, wie es das Dritte Reich auszeichnete. Es untersucht dies vor allem bezogen auf die nationalsozialistische Führerfigur Adolf Hitler. An ihr soll nicht in erster Linie etwas Einmaliges, Besonderes entdeckt werden, was ihr einen dämonischen Charakter verleihen könnte, sondern etwas ausgemacht werden, was für viele Menschen einer Epoche auf verwandte Art kennzeichnend war. Wie entscheidend Hitler durch traumatische Erfahrungen im Ersten Weltkrieg geprägt wurde, wie sein Schicksal in Kindheit und Jugend in sein Weltbild einging, was ihn zum erfolgreichen Propagandisten machte oder welche Bedeutung der Antisemitismus für ihn und seine Anhänger hatte, soll im Horizont einer historisch gerichteten Sozialpsychologie untersucht werden.
 

Kurztext:
Niemand kommt als Faschist auf die Welt! Es sind, wie das Buch am Beispiel Adolf Hitlers zeigt, Erfahrungen des lebensgeschichtlichen Scheiterns, die Menschen dazu drängen können, Gräueltaten an ihren Mitmenschen zu begehen.
 

Buchbeschreibung:
Über das Dritte Reich und Adolf Hitler sind zahllose Bücher geschrieben worden – was rechtfertigt eine neue Veröffentlichung hierzu? In psychologischen und dabei besonders in psychoanalytischen Untersuchungen über den Nationalsozialismus wird fast nie zur Kenntnis genommen, dass das Dritte Reich nicht zuletzt als Produkt des Ersten Weltkrieges begriffen werden muss. Ungefähr die Hälfte des Buches beschäftigt sich deshalb mit der Frage, welche Verarbeitungsformen der Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges für Hitler und seine Kampfgenossen typisch sind. Hier wird versucht, Licht auf die Verbindung von Kriegstraumatisierungen und Faschismus zu werfen, die bisher kaum begriffen wurde. Hitler verarbeitet seine Kriegserfahrungen vor dem Hintergrund seines Schicksals in Kindheit und Jugend. Welche destruktiven Potentiale dieses in seiner Psyche hinterlassen hat und wie diese in sein faschistisches Weltbild eingehen, wird in dem Text anders als bisher geleistet analysiert. Auch zur Frage, warum Hitler Massen faszinieren konnte oder welche Rolle der Antisemitismus für ihn und für die Massenpsychologie des Faschismus spielte, führt der Text neuartige Einsichten vor. Das Manuskript versucht die Befunde von historischen, kulturtheoretischen, politökonomischen oder soziologischen Untersuchungen mit Einsichten der psychoanalytischen Individual- und Sozialpsychologie zu verbinden. Seine psychoanalytischen Untersuchungen der Hitlerfigur bindet es möglichst eng an Hitlers eigene Äußerungen, das Buch liefert deshalb in Teilen auch eine tiefenpsychologische Interpretation von Hitlers „Mein Kampf“.

Das Dritte Reich ist nicht wirklich vergangen, es wirkt noch in der Gegenwart fort; Adolf Hitler ist deshalb in gewisser Weise noch unser Zeitgenosse. Deshalb ist es wichtig, sich mit dem Nationalsozialismus immer wieder neu und anders auseinander zu setzen – dies auch deshalb, weil das zerstörerische Potential, das im deutschen Faschismus zum Ausdruck kommt, uns in anderer Gestalt auch in der Gegenwart bedrohen kann.

Das Buch kann für psychologisch, psychoanalytisch und historisch Interessierte und darüber hinaus für alle wichtig sein, die den Faschismus begreifen wollen.
 

Kurzvita:
Gerhard Vinnai, geb.1940, ist Professor für analytische Sozialpsychologie an der Universität Bremen. Arbeitsschwerpunkte: Psychologie der Gewalt, Psychoanalyse der Religion, Geschlechterrollenprobleme. Buchveröffentlichungen: 'Fußballsport als Ideologie‘ (1970), 'Das Elend der Männlichkeit‘ (1977), 'Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft. Psychologie im Universitätsbetrieb‘ (1993), 'Jesus und Ödipus‘ (1999).
 

Inhalt

Einleitung
Der Faschismus als Versprechen
Kriegstrauma und Faschismus
Der Beginn des Ersten Weltkriegs als Geburtsstunde des Traumes von der faschistischen Volksgemeinschaft
Der Erste Weltkrieg als industrialisierter Vernichtungskrieg
Fronterfahrung und faschistische Wahnwelt
Krieg und Männerliebe
Blut und Eros
Der Sinn des sinnlosen Opfers
Krieg ohne Ende
Antisemitismus und totaler Krieg
Lebensgeschichtliches Scheitern und faschistisches Weltbild
Hitler und der Tod
Vaterautorität und Führertum
Deutschland Mutterland
Inzest und Rassentheorie
Homosexualität und Männlichkeitswahn
Volk ohne Raum
Massenwahn, Führerkult und faschistische Propaganda
Judenhass und Selbsthass
Anhang
Literaturverzeichnis
 

Einleitung

Der Nationalsozialismus brachte das Wesen der modernen westlichen Zivilisation auf negative Art zum Ausdruck. Er hat ihre Schattenseiten auf erschreckende Art sichtbar gemacht. Wer das lebensfeindliche, das zerstörerische, das irrationale Potential unserer Kultur verstehen will, muss sich mit dem deutschen Faschismus auseinandersetzen, in dem dieses offen zum Ausdruck kam. Das Dritte Reich ist nicht wirklich vergangen, es wirkt noch in der Gegenwart fort. Die sozialen Ursachen, die es möglich gemacht haben, sind keineswegs alle aus der Welt geschafft. Der Zweite Weltkrieg, den der deutsche Faschismus verursacht hat, hat weltpolitische Veränderungen mit sich gebracht, die uns noch heute betreffen. Gegenwärtige Kriege werden vor dem Hintergrund dieses Krieges geführt und interpretiert, die Traumata, die er mit sich gebracht hat, wirken fort und werden vererbt. Die Judenverfolgung im Dritten Reich geht noch in den scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ein. Auch die Schuld, die Menschen im Dritten Reich auf sich geladen haben, wird noch an nachfolgende Generationen weitergegeben, die, objektiv betrachtet, nicht schuld an seinen Verbrechen sein können. Kinder oder Enkel, die sich notgedrungen mit ihren Eltern oder Großeltern identifizieren müssen, erben damit, zumindest ein Stück weit, deren bewusste oder abgewehrte Schuldgefühle und sind gezwungen, sie zu bearbeiten. Jede Generation gibt ihre unbewältigten psychischen Probleme in gewisser Weise an die nächste weiter.

Der Nationalsozialismus hat eine Katastrophenpolitik Wirklichkeit werden lassen, die nicht nur dadurch betroffen macht, dass ihr Millionen unschuldiger Menschen zum Opfer gefallen sind, sondern auch dadurch, dass sie zahllose Menschen mit leidenschaftlichem Engagement unterstützt haben. In diesem Buch geht es deshalb vor allem um die Frage, wie jemand zum Faschisten und schließlich zum Massenmörder wird: es geht um die Psychologie des Täters. Es möchte zeigen, unter welchen Umständen in den Organisationsformen des Sozialen und damit verbunden in der Psyche von Einzelnen ein zerstörerisches Potential erzeugt wird, wie es den Nationalsozialismus auszeichnet.

Das Buch geht dieser Frage vor allem bezogen auf die nationalsozialistische Führerfigur Adolf Hitler nach. An dieser Figur soll aber nicht in erster Linie etwas Einmaliges, Besonderes entdeckt werden, was ihr einen dämonischen Charakter verleiht, an ihr soll vielmehr etwas Allgemeines ausgemacht werden, was für viele Menschen einer Epoche auf verwandte Art kennzeichnend ist. Hitlers Bedeutung für den Nationalsozialismus beruht, wie das Buch zeigen will, darauf, dass er auf seine besondere Art eine kollektive Pathologie seiner Zeit zum Ausdruck bringt. Er erlangt seine besondere Rolle nur als Repräsentant dieser Pathologie, die durch umfassende soziale Krisen ausgelöst wird. Der Text möchte diese These in sozialpsychologischer und individualpsychologischer Perspektive sehr viel gründlicher untersuchen als dies bisher geschehen ist.

Für meine Analysen habe ich keine eigenen Quellenstudien durchgeführt, ich habe vielmehr Material aus vorliegenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen verarbeitet, die als seriös gelten können. Meine Kombination und Interpretation dieses Materials erzeugt aber, wie ich hoffe, wichtige neue Einsichten. Im Text werden sozial- und individualpsychologische Einsichten mit den Erkenntnissen von Historikern, Soziologen oder Politikwissenschaftlern verknüpft. Verschiedene, oft disparate Interpretationsebenen sollen zueinander in Beziehung gesetzt werden, ihre Schnittstellen sollen deutlich gemacht werden.

Um die irrationalen Seiten der Psychologie des Nationalsozialismus zu erfassen, habe ich die Interpretationsmuster der Psychoanalyse genutzt, nur sie vermögen zu den unbewussten Tiefendimensionen einer faschistischen Wahnwelt vorzudringen. Dabei habe ich beim Schreiben versucht, mich weitgehend der psychoanalytischen Theoriesprache zu enthalten, vor allem die durch psychoanalytisches Denken gelenkte Präsentation des Materials soll zu neuen Einsichten führen. Meine Interpretationen der Hitlerfigur habe ich möglichst eng an Hitlers eigene Äußerungen angelehnt. Wer diese Äußerungen zu analysieren versucht, ist mit der Frage konfrontiert, wann Hitler das äußert, was er für die Wahrheit hält, wann er bewusst lügt oder wann er sich als Propagandist betätigt und dabei Mythen über seine Person erzeugt, die bewusst oder unbewusst in den Dienst seiner politischen Interessen treten. Derartige Unterscheidungen zu treffen, ist bei Hitler, wie später erläutert werden soll, meist nahezu unmöglich. Die Differenz zwischen Lüge und Wahrheit, Wunsch und Wirklichkeit, privaten und öffentlichen Äußerungen kommt bei ihm oft kaum zur Geltung, was mit den pathologischen Zügen seines Charakters in Zusammenhang gebracht werden kann. Die Analyse achtet deshalb besonders auf die latenten psychologischen Bedeutungen von Äußerungen Hitlers und weniger auf ihren manifesten Wahrheitsgehalt.

Hitler gilt als Inkarnation des Bösen im 20. Jahrhundert. Das birgt die Gefahr, ihn zu mystifizieren. Das psychologische Verständnis seiner Person verlangt hingegen, ihn als Menschen zu sehen, der mit uns verwandt ist. Nur dadurch ist der Versuch möglich, sich in ihn hineinzuversetzen und nachzuvollziehen, was in ihm vorging. Das fällt bei ihm besonders schwer. Es ist mir, während meiner jahrelangen Beschäftigung mit der Hitler-Figur, nicht gelungen, irgendwelche mir sympathischen Züge an ihr auszumachen, die den Zugang zu ihr erleichtert hätten. Der Zugang zu seiner Psyche ist deshalb daran gebunden, an sich selbst Schattenseiten zu akzeptieren, die eine Nähe zu dem aufweisen, was Hitler und andere Faschisten zu ihren Verbrechen getrieben hat. Das bringt psychische Belastungen mit sich, denen man sich gerne entziehen möchte. Den Nationalsozialismus in psychologischer Perspektive verstehen zu wollen, fordert, sich die Frage zu stellen, unter welchen Umständen man wohl selbst Faschist geworden wäre. Eine solche Frage wirft keineswegs nur intellektuelle Probleme auf, sie stellt die gesamte eigene Subjektivität in Frage. Hitler zu verstehen ist darüber hinaus auch deshalb schwer, weil er ein Mensch aus einer anderen Epoche ist und uns deshalb notwendig in manchem fremd bleiben muss. Er hat seine Kindheit und Jugend in der Habsburger Monarchie verbracht, er hat den Ersten Weltkrieg als Frontsoldat erlebt, er hat als faschistischer Führer über ungeheure Macht verfügt und kaum fassbare Verbrechen befohlen: Das sind Erfahrungen, die uns als unmittelbare notwendig verschlossen bleiben müssen.

Einige Hinweise auf den Inhalt der einzelnen Teile des Buches: Das einleitende Kapitel "Der Faschismus als Versprechen" weist auf die historischen, ökonomischen, kulturellen und politischen Zusammenhänge hin, in deren Rahmen die sozialpsychologischen und individualpsychologischen Befunde, die in den darauffolgenden Abschnitten vorgetragen werden, erst ihre besondere Bedeutung erlangen. Es interpretiert den Nationalsozialismus als Konsequenz einer umfassenden Krise der deutschen Gesellschaft, für die er eine bestimmte Art der Lösung verspricht.

In den Abschnitten des Teiles "Kriegstrauma und Faschismus" werden Verbindungen zwischen der psychischen Verarbeitung des Ersten Weltkrieges und dem Nationalsozialismus untersucht. Zur Rechtfertigung gegenwärtiger Kriege, etwa dem im Irak oder im Kosovo, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der Zweite Weltkrieg die Notwendigkeit militärischer Gewalt zum Sturz terroristischer Regime bewiesen habe. Ohne den Krieg der Alliierten gegen das Dritte Reich wäre dieses nie an sein Ende gelangt, der industrialisierte Massenmord in Auschwitz wäre nicht beendet worden. Diejenigen, die so argumentieren, vergessen meist, dass nicht nur ein Krieg den Nationalsozialismus beendet hat, sondern dass es ohne einen vorhergehenden Krieg, nämlich den Ersten Weltkrieg, den Nationalsozialismus auch nicht gegeben hätte. Der Erste Weltkrieg ist die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts; der industrialisierte Massenmord, den der Nationalsozialismus organisiert hat, ist nur wirklich zu verstehen, wenn man ihn zum Ersten Weltkrieg in Beziehung setzt. Die Erfahrungen, die Frontsoldaten, wie Adolf Hitler, im Ersten Weltkrieg gemacht haben, haben sie mit den Brutalitätsmustern ausgestattet, die nötig waren, um das nationalsozialistische Terrorregime zu organisieren. Wie entscheidend Hitlers psychische Verarbeitung seiner Fronterfahrungen im Ersten Weltkrieg sein späteres Denken und Handeln bestimmt haben, soll in diesem ersten Hauptteil des Buches aufgezeigt werden.

Erst sein Erleben des Ersten Weltkriegs macht Hitler zum Nationalsozialisten und Menschheitsverbrecher. Aber er verarbeitet seine Erfahrungen in diesem Krieg vor dem Hintergrund seines Schicksals in Kindheit und Jugend. Dieses hat ein destruktives Potential in seiner Psyche hinterlassen, das unter dem Einfluss des Weltkrieges seine fatale spätere Bedeutung erlangen konnte. Weder allein seine Kindheits- und Jugenderfahrungen haben ihn, wie manche psychoanalytische Interpretationen nahe legen, zum Verbrecher gemacht, noch allein das, was er im Weltkrieg erlebt hat. Es ist ein Zusammenwirken von beidem, das Hitlers besondere zerstörerische Energien hervorbringt. Während der erste Hauptteil dieses Buches das Augenmerk auf die Analyse seiner Kriegserfahrungen legt, analysiert der zweite "Lebensgeschichtliches Scheitern und faschistisches Weltbild" vor allem Erfahrungen, die ihn vor der Kriegszeit bestimmt haben und setzt sie zu seinem späteren politischen Denken und Handeln in Beziehung. Hier wird in verschiedenen Abschnitten die Genese von entscheidenden Charakterzügen Hitlers dargestellt und der Einfluss seiner psychischen Verfasstheit auf zentrale Elemente seines faschistischen Denkens sichtbar gemacht.

Der darauffolgende Teil "Massenwahn, Führerkult und faschistische Propaganda" untersucht, welche besonderen Fähigkeiten Hitler zum faschistischen Führer prädestiniert haben. Hitler verdankt seinen politischen Einfluss vor allem seiner Rolle als Propagandist, er konnte vor allem mit Hilfe der nationalsozialistischen Propaganda seine Erfolge erzielen. Deshalb wird die Funktionsweise der faschistischen Propaganda und dabei insbesondere das Verhältnis von Führer und Masse untersucht, das sie begünstigt. Die Macht Hitlers als Führerfigur wurzelt, psychologisch betrachtet, nicht in irgendwelchen dämonischen Fähigkeiten, sondern in der Macht des Unbewussten seiner Anhänger, eine Macht, die er, ohne genau zu verstehen warum, für den Nationalsozialismus funktionalisieren konnte. Dieser Teil des Buches soll das aufzeigen.

Der Antisemitismus gehört zum Wesen des Nationalsozialismus. Die industrielle Judenvernichtung, die mit dem Namen Auschwitz verbunden ist, steht für die Verbrechen des Dritten Reiches. Wer dieses verstehen will, muss Einsicht in die Ursachen des Antisemitismus und dessen besondere Rolle bei der faschistischen Machtausübung gewinnen. Das Kapitel "Judenhass und Selbsthass" analysiert deshalb, welche sozialpsychologische Bedeutung dem Antisemitismus bei der faschistischen Massenmobilisierung in einer gesellschaftlichen Krisensituationen zukommt. Hitlers zerstörerische Energien wurzeln nicht zuletzt in seinem Antisemitismus. Wie er mit seinem Charakter verknüpft ist und bei wem er mit so furchtbaren Konsequenzen ansteckend wirksam werden konnte, soll in diesem Teil des Buches sichtbar gemacht werden.

Gegen das Schlimme, was in diesem Buch dargestellt wird, sträubt sich die Psyche. Ein Text wie dieser ruft notwendig eine psychische Abwehr hervor, die für manche nicht leicht zu überwinden sein wird. Wer aber den Faschismus verstehbar machen will, darf ihn nicht harmloser darstellen, als er war. Die Schwierigkeiten beim Umgang mit dem im folgenden Dargestellten können sich noch dadurch verstärken, dass das Buch neue, ungewohnte Interpretationsmuster vorführt, die manches infrage stellen, was bisher genutzt wurde, um das Bedrohliche des Dritten Reichs bearbeitbar zu machen. Freunde und Kollegen, die ich um die Lektüre des Manuskripts gebeten habe, haben mir wiederholt mitgeteilt, dass sie beim ersten Versuch, sich ihm zu nähern, ein massives Widerstreben gespürt hätten. Bei einem zweiten Versuch sei dieses aber weitgehend verschwunden und der Text habe sich auf fruchtbare Art als lesbar erwiesen. Vielleicht können diejenigen, die Schwierigkeiten haben, sich auf den Text einzulassen, von der Mitteilung dieser Erfahrung profitieren. Der Einstieg in das Buch ist an verschiedenen Stellen möglich, auch das kann es erleichtern, die Abwehr gegen die Lektüre zu überwinden.

Das Bemühen, das Schreckliche, was Menschen im Dritten Reich getan haben, psychologisch zu verstehen, bedeutet natürlich keineswegs, es entschuldigen zu wollen. Wer das Schlimme, zu dem Menschen in der Lage sind, wirklich bekämpfen will, muss dessen Ursachen möglichst genau kennen. Die moralische Empörung über Verbrechen reicht allein nicht aus, sie zukünftig zu verhindern. Niemand kommt als Faschist oder Massenmörder auf die Welt: Es sind immer bestimmte biografische Erfahrungen und bestimmte soziale Verhältnisse, die Menschen dazu bringen, Gräueltaten zu begehen. Wer den Faschismus und die ihm nachfolgenden Formen des Totalitären wirklich bekämpfen will, muss deshalb vor allem daran arbeiten, Verhältnisse überwinden zu helfen, die sie hervorbringen.

(Abdruck mit freundlicher Erlaubnis von Psychosozial-Verlag, Gießen)

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