Prof. Dr. Gerhard Vinnai
UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Institut für Kulturforschung und Bildung
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Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft -
Psychologie im Universitätsbetrieb
Campus Verlag 1993 Frankfurt/Main/New York
ISBN 3-593-34877-2, 240 Seiten TB




kritik

Klappentext

Der bestehende Universitätsbetrieb bedarf der grundlegenden Kritik. Vinnai übt sie exemplarisch am Fach Psychologie, wo die Misere der Wissenschaft besonders drastisch zum Ausdruck kommt. Die herrschenden Denkmodelle, bürokratische Zwänge, Beziehungsformen, Prüfungsrituale, aber auch z.B. ein bestimmter Umgang mit der Geschlechterdifferenz blockieren das offene Suchen nach Erkenntnis. Vinnai versteht seine Aufarbetung eines verbreiteten Unbehagens an der Universität als eine Streitschrift, die Kontroversen hervorrufen und zum Nachdenken anregen soll.



Manuskript ist als Volltext (PDF-Datei) hier zum Download bereitgestellt (1,2 MB).


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I
Die Schule der Sprachlosigkeit
Die Herrschaft der Kontrolleure
Empirische Forschung als angepasste Realitätsverleugnung
Zur Kritik der experimentellen Psychologie
Unter der Diktatur des Quantitativen

II
Utopie und Wirklichkeit der Universität
Curriculum macht alle dumm
Über die Zerstörung der psychologischen Lehre
Die Universität als Berufsfachschule
Zum Verhältnis von Theorie und Praxis

III
Die Leugnung der Differenz
Geschlechtlichkeit und wissenschaftliche Vernunft
Zur Rekonstruktion der Erfahrungsfähigkeit


Einleitung

Der bestehende Universitätsbetrieb bedarf der grundlegenden Kritik. Mit meinem Buch will ich sie exemplarisch am Fach Psychologie üben, wo die Misere der Wissenschaft besonders drastisch zum Ausdruck kommt. Aufklärerisches Denken, das Menschen helfen soll, sich aus äußeren und inneren Zwängen herauszuarbeiten, darf heute nicht schlicht mit wissenschaftlichem Denken gleichgesetzt werden. Es hat heute nicht zuletzt dessen Kritik als Selbstkritik der Aufklärung zu leisten. Die Kritik der wissenschaftlichen Rationalität hat deren repressive Züge sichtbar zu machen und auf Perspektiven ihrer Überwindung hinzuweisen. Es ist notwendig, aufzuhellen, mit welchen sozialen Verhältnissen diese Rationalität verknüpft ist und mit welchen Arbeits- und Verkehrsformen sie an der Universität durchgesetzt wurde und wird. Die Struktur der Universität verhält sich Formen und Inhalten des wissenschaftlichen Denkens gegenüber keineswegs neutral. Sie begünstigt bestimmte Arten zu denken und blockiert andere. Universitäres Denken wird aber nicht nur durch objektive institutionelle Zwänge eingeengt, es ist auch von fragwürdigen psychischen Determinanten abhängig, die mit diesen verknüpft sind. Eine Kritik des Wissenschaftsbetriebes muss sich deshalb auch um eine «Psychopathologie» der Institution Hochschule bemühen.

Die Psychologie an der Universität wird von Vertretern einer Wissenschaftsrichtung beherrscht, die sich am naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal orientieren. Sie vertreten ihr Wissenschaftsverständnis, vom Verband der Universitätspsychologen unterstützt, an den Hochschulen nahezu mit einem Monopolanspruch. Sie sorgen dafür, dass es in der Psychologie einen Wissenschaftspluralismus so gut wie nicht gibt. Die universitäre Stellenvergabe, die Prüfrangs- und Studienordnungen, die Forschungsfinanzierung werden von Vertretern dieser Wissenschaftsrichtung sehr weitgehend festgelegt. Dieses Buch soll aufzeigen, welche fatalen Konsequenzen das für das Fach Psychologie hat. Die Kritik, die darin an der Universitätspsychologie geübt wird, möchte nicht nur auf fragwürdige Denkformen hinweisen. Sie hat darüber hinaus das Ziel, mit aller Deutlichkeit auf einen sozialen Skandal hinzuweisen, der an der Universität institutionalisiert ist. Die Kritik an der akademischen Psychologie wird in diesem Buch mit einer umfassenden Auseinandersetzung mit der modernen wissenschaftlichen Rationalität verbunden. Eine naturwissenschaftlich geprägte instrumentelle Vernunft, die an der Universität vorherrscht, zeigt ihre Schattenseiten besonders in einem Gegenstandsbereich, der ihr so wenig angemessen ist wie der der menschlichen Subjektivität. Freilich müsste die Kritik des naturwissenschaftlichen Denkens in dessen eigenem Terrain anders akzentuiert sein und würde dort zu weniger eindeutigen Ergebnissen führen.

Die Kritik, die hier an der gegenwärtigen Psychologie geübt wird, fällt radikal aus. Die durch eine ritualisierte Betriebsamkeit verhüllte Krise des Faches Psychologie hat ein solches Ausmaß erreicht, dass ein 'goldener Mittelweg' der Kritik der einzige ist, der mit Sicherheit nicht zur notwendigen Veränderung führt. Die Radikalität, mit der im Fach Psychologie an der Universität zumeist ein offenes, unreglementiertes Denken ausgetrieben wird, bringt es mit sich, dass die Wahrheit bis auf weiteres nur in der Übertreibung zu finden ist.

Mit meinem Text will ich keine wertfreie Wissenschaft liefern. Die vom positivistischen Wissenschaftsverständnis propagierte Trennung zwischen Tatsachenfeststellungen und Bewertungen ist nicht zu halten. Die Analyse geht davon aus, dass unsere Gesellschaft ihre demokratischen Ansprüche ernst nehmen sollte, und fragt, ob z.B. das Selbstbestimmungsrecht der Menschen oder das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit in einer ihrer zentralen Bildungsinstitutionen zum Tragen kommt. Meine Kritik will solche Ansprüche entschieden wertend auf das beziehen, was im Rahmen der Universitätspsychologie veranstaltet wird. Bei meinen Untersuchungen wollte ich mich auch keineswegs, wie vom gängigen Wissenschaftsideal gefordert, von Emotionen freihalten. Ich glaube; dass man als Intellektueller zugleich leidenschaftlich und nüchtern denken sollte. Dass die Analyse auch von einem Gefühl der Wut lebt, soll keineswegs geleugnet werden. Es erfüllt mich mit Zorn, dass an der Universität Generationen von Psychologiestudentinnen und -studenten um eine sinnvolle Ausbildung betrogen wurden und dass gegen Versuche, sich dem zu widersetzen, ständig massive Hindernisse aufgerichtet wurden und werden. Im Text wird begründet, warum es nicht sinnvoll und möglich ist, Gefühle aus dem Wissenschaftsprozess auszugrenzen. Sie sollten vielmehr bewusst und von einer kritischen Selbstreflexion bearbeitet in die Analyse eingehen. Nur dadurch kann diese wirklich lebendig werden.
Anhänger der etablierten Universitätspsychologie werden bei der Lektüre meiner Kritik wahrscheinlich des öfteren zu dem Ergebnis kommen, dass ich mich mit ihren wissenschaftlichen Anstrengungen unseriös auseinandersetze, dass ich sie einseitig und verzerrt darstelle. Man wird mir wohl vorwerfen, dass ich sie wegen ideologischer Scheuklappen nicht erfassen kann. Ich gehe aber davon aus, dass die Vertreter der etablierten Psychologie ihre eigene Praxis nicht wirklich begreifen. Nur die Darstellung dieser Praxis aus einer anderen Perspektive als der ihrigen ist nach meiner Ansicht in der Lage, deren geheime, schlimme Wahrheit sichtbar zu machen. Diese Psychologen tun etwas ganz anderes als sie glauben. Man muss ihnen ihre eigene Praxis erklären, die sie nur mit falschem Bewusstsein machen können. Mein Buch soll ihrer Psychologie die angemessene Melodie vorspielen, in der Hoffnung, die Gewissheiten, auf denen sie fußt, ins Wanken zu bringen.

Dieses Buch ist in mancher Hinsicht altmodisch. Um einen Horizont der Kritik zu gewinnen, nimmt es uneingelöste bürgerliche Emanzipationsversprechungen ernst, wie sie frühere Epochen hervorgebracht haben, und wendet sie entschieden gegen den bestehenden Universitätsbetrieb. Es will nicht, auf eine heute modische Art, das Ende des Individuums oder das Scheitern der Aufklärung proklamieren. Es sollen vielmehr Ansprüche, die mit derartigen Begriffen verknüpft worden sind, gegen eine Institution gewendet werden, die einmal angetreten war, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Eine vernunftgeleitete radikale Kritik wird nicht dadurch falsch, dass sie gegenwärtig nicht allzuviel Macht hinter sich hat, weil sie sich gegen mächtige gesellschaftliche Tendenzen stellt. Es sollte nicht die Aufgabe des theoretischen Denkens sein, seine eigene Kapitulation vor der Übermacht des Bestehenden zu rationalisieren. Der von mir gewählte Interpretationshorizont bringt freilich die Gefahr mit sich, dass der Eindruck entsteht, ich wolle Begriffe wie den des Subjekts oder den der Vernunft unkritisch festschreiben. Geschichtlich gewordene Begriffe wie diese bedürfen der permanenten Kritik und Fortentwicklung, die allein ihren weiteren Gebrauch rechtfertigen. In meinem Text kommt dieses Bemühen manchmal etwas zu kurz, dieses Problem bedarf weiterer Klärungen.

Die Krise der Wissenschaft hat mit einer übersteigerten wissenschaftlichen Arbeitsteilung zu tun. Diese kann zwar mitunter den Fortschritt in der Erforschung von Detailfragen begünstigen, führt aber zugleich zum Realitätsverlust des theoretischen Denkens, das diesen Namen dann kaum noch verdient. Im Fach Psychologie geraten dadurch soziale Zusammenhänge aus dem Blickfeld, die durchdrungen werden müssen, um der Qualität des Psychischen gerecht zu werden. In meinem Text versuche ich deshalb, wenn seine Inhalte es verlangen, mich nicht an bornierte universitäre Fachgrenzen zu fesseln. Er verknüpft psychologische Einsichten mit philosophischen, soziologischen oder historischen Befunden und bezieht sich auf wissenschaftliche Traditionen, die an umfassenden Analysen interessiert sind. Bei diesem Vorgehen besteht die Gefahr, dass Einschätzungen mitunter etwas zu pauschal ausfallen. Dies kann meiner Ansicht nach hingenommen werden, weil es im Text weniger um philologische Detailgenauigkeit als um den Versuch geht, Problembewusstsein zu provozieren und neue Interpretationshorizonte aufzuzeigen.

Der Streitschrift-Charakter des Textes hat auch mit meinen eigenen Erfahrungen als Hochschullehrer zu tun. Er ist auch eine Antwort auf Erfahrungen mit intellektuell nicht legitimierter, autoritärer bürokratischer Machtausübung, mit der in der Psychologie das Bestehende verteidigt wird. An der Universität Bremen habe ich mich lange Jahre um eine andere Psychologie bemüht. Die schmerzlichen Erfahrungen der Zerstörung vieler Bemühungen um eine Öffnung des Denkens und demokratischere Verkehrsformen zwischen Lernenden und Lehrenden fließen in den Text mit ein. Bei der Wahl des Hochschullehrerberufs hatte ich, aufgrund meiner Studienerfahrungen außerhalb der Psychologie, den Wunsch, eine liberale, weltoffene bürgerliche Universitätstradition, deren letzte Blüte meine Frankfurter Lehrer verkörperten, mit den demokratischen, egalitären Elementen der 68er Studentenbewegung zu verknüpfen. Bei diesem Anspruch hatte ich von Anfang an große Schwierigkeiten mit der intellektuellen und menschlichen Kleinkariertheit, die in psychologischen Studiengängen und anderswo an der Universität produziert wird. Mein Buch lebt von dem Bemühen, auch mir selbst diese Beschränktheit zu erklären und dadurch eine Identität als kritischer Intellektueller zu bewahren.

Auch wenn das nicht immer offen zum Ausdruck kommen mag, ist das Unbehagen an der akademischen Psychologie wie an der bestehenden Universität insgesamt heute sehr verbreitet. Es gibt wohl kaum noch Studierende des Faches Psychologie, die ihr Studium als Medium der Befreiung erfahren, das helfen könnte, sich lebendig und kritisch mit anderen Menschen und eigenen psychologischen Problematiken auseinanderzusetzen. Das Studium wird vor allem als ein permanenter Initiationsritus erfahren, den man hinter sich bringen muss, um bestimmte berufliche Berechtigungsscheine zu erlangen. Studentische Streiks Ende der 80er Jahre aber haben gezeigt, dass bei Studierenden nicht nur Anpassungsbereitschaft, sondern auch ein verborgenes Bedürfnis nach Veränderung verbreitet ist. Die lustlose, leere Routine, der viele Wissenschaftler verfallen sind, weist darauf hin, dass auch sie an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns geheime Zweifel hegen. Dieses Unbehagen könnte die Chance in sich tragen, eine andere Gestalt anzunehmen und sich in eine angemessene theoretische und praktische Kritik zu verwandeln. Das Buch richtet sich an Wissenschaftler und Studierende, die ihr Leiden an der Universität besser begreifen möchten und den Willen haben, durch soziales Handeln an seiner Überwindung zu arbeiten.

Der Text ist in drei Teile gegliedert. Ein erster Teil hat seinen Schwerpunkt in der Kritik psychologischer Denkmodelle und Forschungsmethoden. Ein zweiter Teil bemüht sich um eine allgemeine Kritik des bestehenden Universitätsbetriebes und der ihm entsprechenden wissenschaftlichen Rationalität. Ein dritter Teil will auf Perspektiven der Veränderung in der Psychologie hinweisen. Weil, vom Besonderen der Psychologie ausgehend, immer auch allgemeine Reflexionen über das moderne wissenschaftliche Denken angestellt werden und die allgemeine Hochschulkritik immer wieder Beispiele aus der Psychologie einbezieht, sind die drei Teile in der Sache eng verbunden.

Zu den Abschnitten des ersten Teils: Das Eingangskapitel über »Die Schule der Sprachlosigkeit« gibt am Beispiel des Schicksals der Sprache und des Sprechens an der Universität erste Hinweise auf die Misere des Faches Psychologie wie des Universitätsbetriebs insgesamt. Die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie will mit Hilfe von Experimenten die Kontrolle über Psychisches erlangen, mit Hilfe von quantitativen Methoden will sie es berechenbar machen: Sie ist damit bewusst oder unbewusst auf die Beherrschung von Menschen ausgerichtet. Dass bei einer derartigen Orientierung die Suche nach Erkenntnis allzu leicht durch das Bemühen um eine Kontrolle ersetzt wird, die totalitäre Züge annehmen kann, zeigt das Kapitel über »Die Herrschaft der Kontrolleure«. Die akademische Psychologie ist stolz darauf, kritische Erfahrungswissenschaft zu sein und sich bloßen Glaubenssätzen zu widersetzen. Wie sich dieser Anspruch in sein Gegenteil verkehrt, wie in der Forschung das Bestehende mystifiziert und blinde Anpassung an dieses begünstigt wird, zeigt das Kapitel »Empirische Forschung als angepasste Realitätsverleugnung« anhand einer Kritik der experimentellen Psychologie. Das experimentelle Vorgehen, das in der positivistischen Psychologie bevorzugt wird, verbindet diese mit quantitativen Methoden. Im Kapitel »Unter der Diktatur des Quantitativen« geht es um eine grundlegende Kritik an diesen Methoden.

Zu den Abschnitten des zweiten Teils: Der Abschnitt über »Utopie und Wirklichkeit der Universität« macht deutlich, welche Ansprüche in die Idee der modernen Universität eingegangen sind und welche sozialen Prozesse die Verwandlung der Universität in eine Wissenschaftsfabrik bewirkt haben, die diese Ansprüche weitgehend geopfert hat. Das Kapitel »Curriculum macht alle dumm« liefert eine Kritik des vorherrschenden Zustandes der universitären Lehre. Am Beispiel des Faches Psychologie zeigt es auf, wie kritischem Denken die Basis entzogen wird und autoritäre Anpassungsbereitschaft entsteht. Der Abschnitt »Die Universität als Berufsfachschule« macht deutlich, wie ein verkürztes Verständnis des Verhältnisses von Theorie und Praxis das offene, kritische Denken an der Universität blockiert.

Zu den Abschnitten des dritten Teils: Das Kapitel über »Die Leugnung der Differenz« zeigt auf, wie die vom positivistischen Denken negierte Geschlechterdifferenz unterschwellig in die Wissenschaft eingeht. Es versucht Hinweise darauf zu geben, wie ein produktiverer, herrschaftsfreierer Umgang mit dieser Differenz die Wissenschaft verändern könnte. Der Text »Zur Rekonstruktion der Erfahrungsfähigkeit« gibt Hinweise darauf, auf welchen Erfahrungsbegriff und welches Verhältnis zur menschlichen Subjektivität eine veränderte Psychologie angewiesen ist.

Die Kapitel des Buches weisen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade auf. Sie sind in sich relativ abgeschlossen; jedes kann den Einstieg in seine Thematik ermöglichen - also für sich gelesen werden. Es ist möglich, den allgemeinen Teil an den Anfang der Lektüre zu stellen, um dann die spezielleren, die Psychologie betreffenden Teile anzuschließen.

Die Geschlechterdifferenz, der ein Kapitel des Buches gewidmet ist, hat mir beim Schreiben Schwierigkeiten bereitet. Es ist mir nicht gelungen, Universitätsangehörige nach ihrem Geschlecht zu bezeichnen, ohne ab und zu ins Stolpern zu geraten. Dies Stolpern scheint mir auf das ungelöste Problem des Geschlechterverhältnisses an der Universität hinzuweisen. Bezeichnet man z.B. die Lernenden an der Universität als Studenten und geht davon aus, dass es männliche und weibliche Studenten gibt, so fühlen sich Studentinnen diskriminiert. Ständig Studentinnen und Studenten zu schreiben scheint mir etwas zu aufwendig. Die bei jüngeren Jahrgängen übliche Praxis, sich als StudentInnen zu bezeichnen, schiebt etwas auf problematische Art ineinander, was in seiner Differenz erfahren werden sollte. Meistens habe ich den Ausdruck Studierende benutzt oder bewusst eine männliche Perspektive gewählt, deren Problematik mir bewusst ist. Es scheint mir sinnvoll, diese Irritation nicht zu verlieren, sondern sie für die weitere Wissenschaftskritik fruchtbar zu machen.

Mein Wunsch ist, dass mein Buch helfen möge, den einschüchternden Anspruch der etablierten Wissenschaft als weitgehend hohl zu durchschauen. Dadurch könnte es unkonventionellem, offenem Denken Mut machen. Es möchte gegen das einschüchternde Diktat wissenschaftlicher Rituale eine theoretisch fundierte sekundäre Naivität aufrichten helfen, die dabei hilft, deren Bann zu brechen und ins Freiere zu denken. In Hans Christian Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider« hat nur ein Kind den Mut, den nackten Kaiser als nackt zu bezeichnen. Etwas von diesem naiven Mut, der sich mit notwendigem Wissen verbindet, gehört zu einem Denken, das sich von der Magie des Tatsächlichen nicht dumm machen lassen will.


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