Prof. Dr. Gerhard Vinnai

Universität Bremen

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Vorwärts – Rückwärts in die Zukunft?
Die Wiedersprüche des Fortschritts

Digitale Veröffentlichung, Bremen 2026

Einleitung

Die bestehende westliche Gesellschaft hat in Gestalt des Kapitalismus einen Motor, der sie unablässig antreibt. Dieser Motor soll immer in Betrieb sein, der Kapitalismus kennt keine festgelegten Grenzen, sein Wachstum soll nie ein endgültiges Ziel erreichen. Der Kapitalismus hat durch sein Wachstum für eine Mehrheit der Bevölkerung einen steigenden Wohlstand ermöglicht. Deshalb soll die Steigerung der Produktion nicht gehemmt werden, weil ein fehlendes oder ein zu geringes Wachstum Ausdruck einer Krise ist, welche nur durch mehr Wachstum überwunden werden kann. Der Umfang der Warenproduktion soll sich ständig erweitern, die Technik, die sie nutzt, muss ständig revolutioniert werden. Die Einkommen der Erfolgreichen sollen möglichst ständig wachsen, sie sollen die Erfahrung machen können, dass ihr Eigentum. ständig an Umfang gewinnt und so ihr Erfolgsstreben belohnt. Die ihnen gegenüber Benachteiligten sollen nur ab und zu die Erfahrung machen dürfen, dass auch sie ein Stück des produzierten Kuchens abbekommen können. Viele von ihnen sollen sich damit abfinden, dass sie zu den ewigen Verlierern gehören, weil ihr berufliches Engagement zu mehr nicht ausgereicht hat.

Der Kapitalismus erzeugt wachsende Möglichkeiten, aber mit der Entwicklung des Kapitalismus wachsen keineswegs nur positive Möglichkeiten, es wachsen auch negativen Möglichkeiten, die er hervorbringen kann, es wachsen auch die Schattenseiten, die ihn kennzeichnen. Es wächst die Zerstörung der Natur; weil ihre Verhinderung die Gewinnchancen bestimmter Fraktionen des Kapitals schmälern würden. Es wächst die Differenz zwischen Armut und Reichtum, weil der Besitz von spekulativem Aktienkapital und ein bereicherndes Erben besonders die Wohlhabenden begünstigt. Es wachsen die Konflikte zwischen den ökonomischen Großmächten auf dem Weltmarkt, die mit ihrer Konkurrenz verbunden sind. Mit steigenden Rüstungsausgaben und einer wachsenden Kriegsbereitschaft soll verhindert werden, dass man dabei durch eine zu geringe Drohmacht ins Hintertreffen gerät. Das Wachstum, das der Kapitalismus für seine Fortexistenz braucht, ist unvermeidbar mit Zerstörungen verbunden; Altes, Überkommenes muss vernichtet werden, damit Platz für Neues entsteht, welches auf den Markt drängt. Dieses Neue muss keineswegs automatisch besser sein als seine Vorläufer. Auch die Natur wird nicht selten ein Opfer dieser Verdrängungsprozesse. Das Anwachsen der produzierten Warenmenge verlangt, dass überkommende Produkte durch ihre „produktive Zerstörung“ vom Markt verschwinden, und das Neue ist oft mit einer Überproduktion verbunden, welche die Lebensräume der Menschen verengt: Mehr Warenbesitz kann auch weniger Freiheit bedeuten. Die Entwicklung der Kommunikationstechniken kann Horizonte für neue Möglichkeiten von sozialen Kontakten eröffnen, aber sie lässt auch die manipulative Macht derjenigen, welche über sie verfügen, ungeheuer anwachsen. Mit der Macht des Internet wächst auch die Internetkriminalität, die Fehlinformation und die Überfülle der Werbung; die Erweiterung des Einflusses der Informationsmedien führt keineswegs automatisch zur Erweiterung der Aufgeklärtheit der Bevölkerung, sie begünstigt eher die Barbarisierung der Kultur und der Politik. Sie dient eher einer Erweiterung der Zerstreuung und Ablenkung, als einer Sammlung, die von Nöten wäre.

Die Widersprüche der gesellschaftlichen Entwicklung bringen für die in sie verstrickten Subjekte widersprüchliche Anforderungen und kaum lösbare Probleme mit sich. Dass die bisherige Form der etablierten Politik sie nicht zu überwinden vermag, erzeugt eine allgemeine Ratlosigkeit, und Lähmung der Energien. Die wachsenden Schattenseiten der Gesellschaft verleihen ihr immer mehr Züge einer Höllenmaschine, die die Zukunft allen Lebens bedroht.

Ein gestiegener materieller Reichtum der Gesellschaft, bringt nicht unbedingt die Entwicklung des sozialen Wesens der Menschen durch die Erweiterung sozialen Kontakte mit sich, er kann auch durch neue Abhängigkeiten mit seiner Verkümmerung verbunden sein. Auch ein sinkender Wohlstand sorgt nicht unbedingt für mehr kritisches Nachdenken. Wenn der Halt, den der Besitz von mehr Waren verspricht, in Krisenzeiten ausbleibt, kann das massive Unsicherheiten erzeugen, die Kontakte erschweren. Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen heute unter einer wachsenden Kälte und Gleichgültigkeit im sozialen Verkehr leiden, dass Gefühle der Einsamkeit und Verlassenheit wachsen.

Die Verkümmerung des Sozialen reduziert auch die Möglichkeiten der intellektuellen Entwicklung. Der enorme materielle Aufwand mit dem heute wissenschaftliche Forschung betrieben wird, sorgt wohl für die Entwicklung von Technik, mit deren Hilfe sich Geld verdienen lässt, aber er sorgt kaum für die Hervorbringung umfassender gesellschaftstheoretischer Analysen, die die bestehende Gesellschaft grundlegend infrage stellen, und neue, andere Möglichkeiten der Entwicklung des Sozialen zu fördern vermögen. Die wissenschaftlichen Erklärungen bestehender sozialer Defizite fördern zumeist allenfalls eine Rationalisierung des Bestehenden, aber sie begünstigen kaum seine Überschreitung durch andere, bessere Lebensformen. Durch die Personalisierungen der Interpretationen werden meist fatale soziale Entwicklungen aus der problematischen psychischen Verfasstheit von Mächtigen beziehungsweise ihrer Rücksichtslosigkeit abgeleitet, und nicht auf die sozialen Strukturen und historischen Konstellationen bezogen, die ihr Handeln sehr weitgehend bestimmen. Nicht krisenhafte Zustände der amerikanischen und der russischen Gesellschaft werden dann für die Entwicklung der politischen Misere in diesen Ländern haftbar gemacht, sondern der schlechte Charakter von Wladimir Putin oder Donald Trump. Die sozialen Verhältnisse, die solche Personen in Machtpositionen bringen, und sie gläubige Anhänger finden lassen, werden kaum begriffen. Der Medienzirkus, der meist weitgehend begriffslos nur bestimmte gängige Einschätzungen der Realität vorführt, ersetzt die kritische Analyse.

Die folgenden Texte versuchen die Misere der bestehenden Gesellschaft zu ihrer ökonomischen Basis in Gestalt des Kapitalismus in Beziehung zu setzen und die politökonomische Analyse mit sozialpsychologischen, kulturtheoretischen und historischen Befunden zu verbinden.

Zum Inhalt der einzelnen Abschnitte:

(1) Ein einleitender Abschnitt versucht auf Strukturelemente des Kapitalismus hinzuweisen, die spezifische Formen der sozialen Kälte und Gleichgültigkeit mit sich bringen, auch wenn ökonomisches Handeln durchaus mit Engagement betrieben werden kann. Mit dem Übergang des industriellen Kapitalismus zum Finanzkapitalismus der Gegenwart, nehmen diese Strukturen eine neue Gestalt an, die mit der Verhinderung und Zerstörung von ökonomischen, politischen und sozialen Zusammenhängen einhergeht, auf die eine Demokratie angewiesen ist.

(2) Ein nächster Teil untersucht die kollektiven sozialpsychologischen Veränderungen, die sich mit der zunehmenden Machtergreifung der Institutionen des Finanzkapitals verbinden. Er weist auf fatale Entwicklungen hin, die sich im Bereich des ökonomischen Handelns, der Einstellung zur Politik und für das Zusammenleben der Menschen ergeben. Die Irrationalisierung von sozialen Strukturen sorgt für eine Irrationalisierung des Denkens und Verhaltens, die in Realitätsflucht, in wachsenden rechtsradikalen Tendenzen oder wahnhaften Realitätsbezügen zum Ausdruck kommt.

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen geben Anlass zu pessimistischer Verdüsterung. Die folgenden Ausführungen wollen, ohne einem falschen Optimismus zu verfallen, derartigen Einstellungen entgegenwirken, indem sie auf latente Möglichkeiten und Formen der Kritik hinweisen, die in den bestehenden Verhältnisse, meist eher unbewusst als bewusst wirksam sind. Auch im Bestehenden sind wohl noch unterschwellig Wünsche und Einstellungen und Interessen wirksam, die unter anderen Umständen einen anderen Ausdruck finden könnten, der über das Bestehende hinausweist.

(3) Ein nächster Abschnitt versucht eine Kritik des Fortschrittsbegriffs vorzuführen, der mit dem Kapitalismus verbunden ist und der sich auf andere Art auch im Rahmen sozialistischer Positionen Geltung verschafft hat. Er zeigt, dass ein nur auf die Zukunft gerichteter Fortschrittsbegriff problematische Züge tragen kann, weil er das Erbe der Vergangenheit nicht ernst genug nimmt, das neu interpretiert und umgestaltet auch auf eine bessere Zukunft hinweisen kann.

(4) Eine bessere Zukunft hat auch von einer neu interpretierten Vergangenheit zu lernen. Dies wird versucht im nächsten Teil in Bezug auf einen anderen Umgang mit der Zeit, auf ein verändertes Verständnis von Solidarität und auf die Nutzung von Formen des theoretischen Denkens, die in der Vergangenheit entwickelt wurden, deutlich zu machen.

(5/6) Die beiden folgenden Abschnitte wollen das auch im Rahmen einer Analyse des Landlebens darstellen. Sie wollen aufzeigen, dass das Leben auf dem Lande mit Fähigkeiten oder Wünschen verbunden war, oder auch noch ist, die eine Kritik des Bestehenden potentiell beinhalten. Das Landleben kann, trotz seiner Beschränkungen und Schattenseiten, unter Umständen mit Phantasien verbunden werden, die über das Bestehende hinausweisen und dabei ein utopisches Potential in sich tragen.

(7) Ein historisches Dokument aus dem Jahre 1977, das der folgende Abschnittpräsentiert, kann helfen, Veränderungen im Verhältnis von Stadt und Land, die in der Zwischenzeit stattgefunden haben, besser zu begreifen. Die Bauernhöfe auf dem Land sind seit dieser Zeit weitgehend der industrialisierten Landwirtschaft gewichen. Auch die auf das Landleben bezogenen Träume, Wünsche oder auch Vorurteile von Stadtbewohnern, haben sich verändert. Hat ihre Beziehung zum Landleben durch diese Veränderungen zu mehr Realismus geführt oder ist sie nicht auch mit einer Verarmung der Phantasien und dem damit verbundenen Schwinden von Utopischem verbunden, das früher auf das Land bezogen war?

(8) Die Lebenswelt der Familie und die der Ökonomie stehen beide in einem Spannungsverhältnis zueinander. Die Familie soll der Kälte und Anonymität der Ökonomie entgegenwirken, sie soll durch Wärme, Nähe und die Anerkennung von individuellen Besonderheiten Halt geben. Dazu ist sie aber oft kaum in der Lage. Wo die auf die Familie bezogenen Wünsche aber dort nicht zu ihrem Recht kommen, verschwinden sie nicht einfach, sie können vielmehr unterschwellig fortwirken. Die Beziehungen zu ökonomischen und sozialen Mächten können so unbewusst von diesen Wünschen aufgeladen werden und sie so mit einem sozialen Kitt versorgen, der die von ihnen Abhängigen an sie bindet. Der Text versucht aufzuzeigen, wie aus der Familie stammende Einstellungen verschoben auf Wirtschaftsunternehmen, Massenmedien oder in Bezug auf nationale Bindungen Menschen in unfrei machende Abhängigkeiten verstricken. Ein Wärmestrom, der aus der Familie stammt, kann aber auch als sublimierter unter bestimmten Umständen die Menschen auf befreiende Art einander näherbringen.

(9) Schlussbemerkungen wollen noch einmal wesentliche gesellschaftliche Probleme ansprechen, die die krisenhaften Tendenzen der Gegenwart hervorrufen und dies mit Gedanken verknüpfen, die darauf hinweisen, welche Veränderungen von sozialen Strukturen und psychischen Befindlichkeiten neu überdacht werden müssen, wenn das Nachdenken über eine bessere Zukunft nicht sein Ziel verfehlen soll. Hier werden Gedanken über eine veränderte Beziehung zum Eigentum und ein anderes Verständnis von Freiheit angedeutet.

Der Text versucht, das Thema des Buches aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Er benutzt dazu auch verschiedene Arten des Schreibens. Er orientiert sich einerseits relativ eng am wissenschaftlichen Schreiben und andererseits eher an essayistischen Ausdrucksformen. Diese haben den Vorteil, dass sie leichter soziale Phantasien zu erzeugen vermögen und dabei neue Denkhorizonte eröffnen können.

Lesen Sie weiter in der digitalen Version des Buches:
Vorwärts – Rückwärts in die Zukunft?
Die Wiedersprüche des Fortschritts
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