Prof. Dr. Gerhard Vinnai
UNIVERSITÄT BREMEN Fachbereich 12
Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Institut für Kulturforschung und Bildung
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Die Liebe zu Krieg und Gewalt
Zur Sozialpsychologie von Kriegsbereitschaft und Terrorismus 

(erschienen in Auszügen in der Frankfurter Rundschau am 20.03.2003)

Der heilige Krieg

Die fundamentalistischen Terroristen wollen einen heiligen islamischen Krieg entfachen. Der US-Präsident Bush hat vor Beginn des westlichen Militäreinsatzes gegen den Terrorismus zum Kreuzzug gegen den Terrorismus aufgerufen, er hat also einen heiligen Krieg gegen den Terrorismus propagiert. Das ist nicht zufällig so: Alle Kriege müssen als „Heilige Kriege“ geführt werden. Dass Kriege mehr oder weniger offen als heilige Kriege geführt werden müssen, hat mit der Beziehung von Krieg und Tötungstabu zu tun. Das Tötungstabu ist ein zentrales Tabu jeder Kultur.

Dass man andere Menschen nicht töten darf, ist im Christentum in den zehn Geboten Moses verankert, und der Religionsstifter Jesus gebietet es denen, die an ihn glauben. In religiös geprägten Gesellschaften ist das Tötungstabu ein heiliges Tabu; auch in modernen Gesellschaften, die ihre sozialen Normen nicht mehr religiös begründen, wird dem Verbot, anderen Menschen das Leben zu rauben, ein sehr hoher Wert beigemessen. Zu seinem Schutz wird die Staatsgewalt eingesetzt, die es mit Hilfe der Polizei, von Gerichten und Gefängnissen verteidigt. Im Krieg wird dieses Tötungstabu aufgehoben.

Es kommt zu seiner Umkehrung, wenn der Staat von Soldaten fordert: „Du sollst andere Menschen töten.“ Die Aufhebung eines heiligen Tabus verlangt besonders heilige Begründungen, die allein seine Außerkraftsetzung zu legitimieren erlauben. Die heilige Regel darf nur außer Kraft gesetzt werden, wenn alles Heilige als bedroht erscheint. In gegenwärtigen westlichen Kulturen muss die Aufhebung des Tötungstabus mit der Verteidigung ihrer höchsten kulturellen Werte begründet werden. Die Kriegspropaganda muss, um ihr Ziel zu erreichen, immer vor Menschlichkeit und Moral triefen.  Die eigene Kriegsführung muss so erscheinen, als sei sie vor allem auf die Befreiung der vom Feind unterdrückten Bevölkerung ausgerichtet.

Der Militäreinsatz gegen den Terrorismus muss als Kampf um die Verteidigung aller Errungenschaften der westlichen Kultur gegen einen zu allem entschlossene Gegner dargestellt werden. Im amerikanischen Krieg gegen Irak darf es nicht um Weltmachtpolitik, Öl oder geostrategische Interessen gehen,  sondern nur um einen Krieg gegen eine diabolischen Diktator,  der alle Amerikaner auf heimtückische Art mit der Ausrottung durch chemische, bakteriologische oder atomare Waffen bedroht.

Dass Kriege als heilige Kriege geführt werden müssen,  beeinflusst entscheidend das Denken und Erleben von Menschen in kriegsführenden Gesellschaften, auf das die Kriegspropaganda zielt. In heiligen Kriegen muss der Feind immer das teuflische Böse repräsentieren, während das eigene Lager immer als Verkörperung des reinen Guten erscheint. Der heilige Krieg verlangt, dass Kriege immer als Notwehrakte gegen einen heimtückischen Feind erscheinen, der friedliebende Völker dazu gezwungen hat, zu den Waffen zu greifen.

Die für den Krieg erforderliche Aufhebung des Tötungstabus verschiebt die Grenzen zwischen Bewusstem und Unbewusstem. Tabuisiertes, das bisher mit Hilfe von Verboten abgewehrt wurde, kann durch deren Aufhebung einen verstärkten Einfluss erlangen. Irrationale Ängste können sprunghaft an Bedeutung gewinnen, bisher Verdrängtes und Verleugnetes gewinnt entscheidend an Macht. Das sorgt für eine Tendenz zur Irrationalisierung des kollektiven Denkens,  besonders zu Kriegsbeginn.

Mit der Aufhebung des Tötungstabus wird eine Freisetzung von ansonsten verbotenen Aggressionen legitimiert. Das führt dazu, dass Kriege immer viel schlimmer ausfallen, als vor ihrem Beginn angenommen wurde. Auch außerhalb des Bereiches des unmittelbaren Kriegsgeschehens führt die Aufhebung des Tötungstabus allzu leicht zu einer Freisetzung destruktiver Energien. Der Krieg begünstigt eine Tendenz zur Enthumanisierung einer Gesellschaft, die ihn führen will oder führt. Diese fatale Entwicklung wird zurzeit dadurch gefördert,  dass der Terrorismus und der Kampf gegen ihn zunehmend die Differenz zwischen Krieg und Frieden aufhebt und damit das Tötungstabu permanent lockert. In den Vereinigten Staaten wurde diese Lockerung außerdem durch einen exzessiven Einsatz der Todesstrafe forciert, der einer aggressiven Intoleranz gegenüber Abweichungen entspricht.
 

Der endlose Krieg

Kriege hören nie auf, sie gehen in der Psyche der Menschen in mancher Hinsicht immer weiter. Während Kriegen werden mit der Aufhebung des Tötungstabus ungeheure Leidenschaften freigesetzt, die später nur schwer wieder unter Kontrolle zu bringen sind. Kriege führen bei Soldaten und der Zivilbevölkerung in großem Ausmaß zu Traumatisierungen, die auch nach Kriegsende fortwirken. Hunderttausende von amerikanischen Vietnam-Veteranen leiden seit dem Vietnam-Krieg unter schweren posttraumatischen Störungen (Schlafstörungen, Angst vor Nähe, Verfolgungsängste,  Gewaltausbrüche). Frauen, die während Kriegen vergewaltigt wurden, sind häufig so schwer traumatisiert, dass es ihnen kaum jemals möglich ist, psychisch wieder zu einer Friedensrealität zurückzufinden.

Dass jeder Krieg in gewisser Weise die Fortsetzung des vorherigen Krieges darstellt, ist nicht zuletzt im Fortwirken von Kriegstraumatisierungen begründet. Diese zeigen die Tendenz,  zu dem zu führen, was der amerikanische Psychiater Chaim Shatan als „militarisierte Trauer“ bezeichnet hat. Eine Verarbeitung von Kriegstraumata, die zur Friedensfähigkeit führt, verlangt, dass die schmerzlichen Verluste von Freunden,  Kameraden und Verwandten, ebenso wie von Idealen und Träumen, angemessen betrauert werden. Eine solche Trauerarbeit fordert menschliche Anteilnahme und eine gesicherte soziale Situation in Friedenszeiten.

Wo diese nicht vorhanden sind, wirkt in der Psyche eine Tendenz zum Wiederholungszwang, die dazu drängt, sich von inneren Spannungen, welche die Kriegserfahrungen in der Psyche ausgelöst haben, durch die Flucht in immer neue Gewalttaten zu entlasten. Eine nicht gelingende Trauerarbeit verhindert die psychische Abrüstung. Die nicht geweinten Tränen erzeugen den Drang, statt ihrer immer neues Blut zu vergießen. Militarisierte Trauer bestimmt sicherlich zu weiten Teilen die Gewaltanwendung im Nahostkonflikt, auf dem Balkan oder in Afghanistan, das seit zwanzig Jahren keinen Frieden mehr kennt und in dem nahezu alle zivilen Strukturen zerstört sind.  Dass Kriege in gewisser Weise nie enden, bestimmt die Beziehung zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg, der Erste Weltkrieg fand seine Fortsetzung im Zweiten. Der Erste Weltkrieg war der erste industrialisierte Vernichtungskrieg, er stellte eine Vorschule für die Vernichtungsaktionen in und während des zweiten Weltkriegs dar. John Keegan, der führende britische Militärhistoriker, bemerkt: „Im Ersten Weltkrieg begann das fabrikmäßige Massentöten, das im Zweiten seinen erbarmungslosen Höhepunkt erreichte.“

Der Erste Weltkrieg stellte Adolf Hitlers zentrale Bildungserfahrung dar. „Wir sind einst alle aus dieser Schule gekommen“, äußert er vor seinen Kumpanen im Hinblick auf das deutsche Heer, das im Ersten Weltkrieg im Einsatz war.  Erst der Krieg verwandelte ihn von einem isolierten Sonderling,  der nie an gewalttätigen Ausschreitungen beteiligt war, in einen fanatischen Faschisten. Dass man Menschen wie Ungeziefer mit Gas vernichten kann, haben er und seine Anhänger im Ersten Weltkrieg gelernt. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind nur vor dem Hintergrund des Ersten wirklich zu verstehen.

Heutige Kriege werden hingegen immer vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges erlebt und interpretiert. Kriegsgegner verurteilen Bombardierungen im Kosovokrieg oder in Afghanistan vor dem Hintergrund der traumatischen Erfahrungen mit Städtebombardierungen im Zweiten Weltkrieg.  Kriegsbefürworter hingegen legitimieren militärische Einsätze üblicherweise mit dem Hinweis darauf, dass der letzte Weltkrieg die Notwendigkeit militärischer Einsätze gegen terroristische politische Regime bewiesen habe. Sie vergessen dabei allerdings meistens, dass das faschistische Terrorregime nicht zuletzt als Produkt eines vorausgegangenen Krieges verstanden werden muss. Dieser hat viele Soldaten, die nach dem Krieg sozial entwurzelt waren, so mit Brutalitätsmustern ausgestattet, dass sie dem Nationalsozialismus als Kerntruppe dienen konnten.

Wo gegenwärtige Kriege mit dem Hinweis auf den Krieg gegen den Faschismus legitimiert werden, besteht die Tendenz, beim militärischen Gegner immer eine Art Hitlerersatz zu suchen.  Saddam Hussein oder bin Laden haben vor allem in der amerikanischen Kriegspropaganda die Aufgabe, den Hitlerstellvertreter zu symbolisieren. Das historisch Besondere solcher Figuren und ihre Verflechtung mit ganz unterschiedlichen sozialen Milieus gerät so aus dem Blickfeld.  Ein rationaler Umgang mit ihnen, bzw. ein angemessener Kampf gegen sie, wird so sehr erschwert.

Auch heutige Kriege sind als Produktionsstätten von Terroristen und Gewaltherrschern geeignet. Saddam Hussein wurde nicht zuletzt unter dem Einfluss des Krieges zwischen Irak und Iran vollends zum totalitären Gewaltherrscher. Den Einsatz von Gas, den die Kurden zu spüren bekamen, haben seine Militärs im Krieg gegen Iran gelernt, den der Westen unterstützt hat. Afghanistan war erst nach langer Kriegszeit als Basislager für fundamentalistische Terroristen geeignet.
 

Der männliche Krieg

Kriege sind, zumindest bisher, an bestimmte Formen der Männlichkeit gebunden. In früheren Epochen galt, dass ein Mann nur sein kann, wer seine Frau, seine Kinder und seinen Besitz mit der Waffe in der Hand zu verteidigen bereit ist. In Schillers „Wallenstein“ heißt es: „Im Felde allein ist der Mann noch was wert.“ Zu Beginn des Ersten Weltkrieges repräsentierte der Kriegsfreiwillige das Ideal des potenten Mannes. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt bei vielen in Deutschland ein Offizier als ideale Partie für eine junge Frau.

Die militärische Ausbildung oder auch die Ausbildung zum Terroristen verbindet Männlichkeit mit Gewaltbereitschaft. Die während der Spätadoleszenz starken sexuellen Regungen junger Männer können während der militärischen Ausbildung mit der Bereitschaft zu destruktiven Handlungen verknüpft werden. Junge Männer, die vom weiblichen Geschlecht isoliert werden, können mit Hilfe der soldatischen Ausbildung dazu gebracht werden, ihre männliche Potenz mit militärischer Kampfbereitschaft zu verschweißen.

Untersuchungen zeigen, dass die Motivation junger Männer,  die ihren Wehrdienst abzuleisten bereit sind, vor allem darin besteht, dass sie das Militär als Ort männlicher Bewährungen sehen, an dem sie bestehen wollen. Man geht zum Beispiel nicht in erster Linie zur Bundeswehr, weil man sein Vaterland oder die demokratische Ordnung der Bundesrepublik verteidigen will, sondern weil man von Mama weg will und sich von der Bundeswehr einen männlichen Härtetest und männliche Abenteuer verspricht. Das Militär verheißt eine Art Initiationsritus, der den Zugang zu entwickelter Männlichkeit sichern soll.

Eine besondere Rolle im Krieg spielt die Liebe zu den Kriegskameraden. Militärpsychologen haben herausgefunden,  dass die Soldaten, psychologisch betrachtet, in erster Linie für ihre Kameraden kämpfen und dass Kriegstraumatisierungen deshalb fast immer mit dem Verlust von Kameraden verknüpft sind. Audie Murphy, der im Zweiten Weltkrieg am höchsten dekorierte amerikanische Soldat, antwortete auf die Frage,  was ihn dazu bewegt habe, seine Feinde besonders todesmutig zu bekämpfen: „Weil sie meine Freunde getötet haben.“ Die Bedrohungen des Krieges schweißen Männer zusammen, zu Kriegskameraden kann so eine aus der Not geborene sehr enge Beziehung zu Stande kommen. Auch unter Attentätern kann es zu solchen sehr emotionalen Bindungen kommen. Die Liebe zu Krieg und Gewalt ist an die Liebe unter Männern gebunden.

Der terroristische Fundamentalismus ist mit einer spezifischen Form der Männlichkeit verknüpft. Er bringt nicht zuletzt eine Krise der Männlichkeit und der überkommenen Geschlechterordnung zum Ausdruck, welche die moderne Gesellschaft auslöst, indem sie die überkommenen Geschlechterrollen aufweicht. Die männlichen Fundamentalisten versuchen die Bedrohung der traditionellen Männerrolle dadurch abzuwehren, dass sie Frauen mit Gewalt wieder in traditionelle Rollen drängen. Die fundamentalistischen Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis sehen klare Trennungen zwischen männlichen und weiblichen Geschlechtseigenschaften und Lebenssphären vor.  Eine Männlichkeit, die sich derart rigide vom Weiblichen abgrenzen will, zeigt eine besondere Tendenz zum Kriegerischen und Gewalttätigen. Auch das Dritte Reich z. B.,  das auf eine Stabilisierung patriarchalischer Herrschaft aus war, indem es männliche und weibliche Geschlechterrollen auf extreme Weise aufzuspalten suchte, erzeugte eine Männlichkeit mit einer eigentümlichen Tendenz zur Tötungs- und Todesbereitschaft.

Der Fundamentalismus will die Politik als Männersache erhalten oder sie wieder dazu machen. Auch in den westlichen Gesellschaften, die dem Terrorismus mit militärischen Mitteln entgegentreten und den Krieg wieder stärker zum Mittel der Politik machen wollen, wird die Politik zunehmend wieder Männersache. Seit den Terroranschlägen in den USA haben die Frauen entscheidend an Einfluss auf die Politik verloren. In der Politik sind wieder harte, entschiedene Männer und kompromissloser männlicher Einsatz gefragt, von denen sich auch viele Frauen wieder allein Schutz versprechen.
 

Unser Terrorismus

„Warum gibt es eigentlich nicht noch mehr Terrorismus?“ Der Soziologe Norbert Elias hat in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts diese Frage aufgeworfen, die ihm als eine zentrale Frage bei der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus erschien. Seine Feststellung bezog sich auf Varianten des linken Terrorismus. Auch für den gegenwärtigen fundamentalistischen Terrorismus gilt wohl die Feststellung,  dass sein Verstehen voraussetzt, dass man sich darüber wundert, dass es in der bestehenden Welt nicht noch mehr Terroristen gibt.

Nach Feststellungen der UN leiden heute zirka eine Milliarde Menschen ständig an Hunger, Zehntausende von ihnen sterben täglich an diesem. Millionen und Abermillionen Menschen sind weltweit ohne Arbeit. Sie sind ökonomisch betrachtet überzählig, für die wirtschaftliche Fortexistenz ihrer Gesellschaft sind sie nicht zu gebrauchen. Die Arbeitslosenforschung hat aufgezeigt, welche fatalen Folgen die Arbeitslosigkeit für die von ihr Betroffenen haben kann. Die kulturellen Traditionen, in denen Menschen bisher existiert haben, werden heute häufig von einer industrialisierten westlichen Massenkultur niedergewalzt.

Viele Menschen, nicht zuletzt auch in den hoch entwickelten westlichen Gesellschaften, fühlen sich heute ohnmächtig gegenüber gesellschaftlichen Großorganisationen wie dem Staat oder multinationalen Unternehmen. Sie fühlen sich als winziges Rädchen in einem anonymen sozialen Getriebe, als eine oder einer unter vielen, die nichts zu sagen haben.  Gesellschaftliche Zustände oder Entwicklungstendenzen sorgen dafür, dass sich in unserer Welt sehr viele Menschen als vom sozialen Tod bedroht erfahren müssen.

Für sie scheint zu gelten, was Brecht in seinem „Großen Dankchoral“ singen lässt: „Es kommt nicht auf euch an/und ihr könnt unbesorgt sterben.“ Ist es da ein Wunder, dass manche von diesen Menschen vor ihrem Verschwinden im Nichts den Drang verspüren, dieser Welt den Krieg zu erklären und ihre Ohnmachtserfahrungen dadurch zu kompensieren, dass sie ihre Mitmenschen in Angst und Schrecken versetzen? Das Handeln des Attentäters am Erfurter Gymnasium oder das von palästinensischen Terroristen hat sicherlich mit solchen Erfahrungen zu tun.

Der islamische Fundamentalismus ist nicht wirklich zu begreifen, wenn man ihn als Ausdruck des Kampfes von sich fremd und feindlich gegenüberstehenden Kulturen begreift, er ist vielmehr die Konsequenz einer bestimmten Form der Globalisierung. In ihm drücken sich die Krisentendenzen und Verwerfungen einer primär von den ökonomischen Zwängen des Kapitalismus gestifteten Weltgesellschaft aus. Seine Bekämpfung ist deshalb Aufgabe einer „Weltinnenpolitik“, die allein seine sozialen Ursachen überwinden kann. Die fundamentalistischen Terroristen stammen häufig aus westlich orientierten Elternhäusern, sie haben im Westen eine Ausbildung erhalten, ohne die sie ihre Anschläge, die modernstes technisches Wissen verlangen, gar nicht durchführen könnten. Ihre Angriffe gelten einer westlichen Kultur, in die sie sich integrieren wollten, in die ihnen aber eine für sie befriedigende Eingliederung nicht gelang bzw. die diese nicht zuließ. Dieses Schicksal teilen sie mit vielen, als deren Sprachrohr sie sich verstehen.

Es gibt nicht nur den islamischen Fundamentalismus; nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten finden protestantisch begründete fundamentalistische Einstellungen zunehmend Verbreitung. In der Politik der Bush-Administration kommen nicht nur ökonomische und geostrategische Interessen der letzten verbliebenen Weltmacht zum Ausdruck, in sie gehen auch fundamentalistische Einstellungen ein, deren sie sich zumindest aus strategischen Gründen bedient. Der von Bush proklamierte „Kreuzzug“ gegen den Terrorismus oder sein Aufruf zum Kampf gegen die „Achse des Bösen“ entsprechen fundamentalistischem Denken.

Hier wird die Welt in Gut und Böse, in die Mächte des Lichts und die Mächte der Finsternis eingeteilt, wobei Letztere, unter der Regie eines von Gott gesegneten Amerika, vernichtet werden sollen. Die Verknüpfung der amerikanischen Politik mit fundamentalistischem Denken führt dazu, dass auch sie eine Tendenz zum Einsatz von Terror entwickelt. Wo politische Regime bzw. ihre Führerfiguren unter Missachtung des Völkerrechts, das Angriffskriege verbietet, mit offensiven militärischen Mitteln liquidiert werden sollen und Bevölkerungen durch permanenten militärischen Druck eingeschüchtert werden sollen, kann man von Terror sprechen.

Überhaupt hat das, was wir im Kosovokrieg oder beim westlichen Militäreinsatz in Afghanistan in den letzten Jahren als Krieg kennen gelernt haben, nur noch wenig mit dem zu tun, was man früher darunter verstand. Die westliche militärtechnische Überlegenheit führte dort zu höchst einseitigen Zerstörungsaktionen, die wenig mit dem Kriegsgeschehen vergangener Epochen zu tun hatten, bei denen die Soldaten beider Seiten in ähnlichem Maße um ihr Leben fürchten mussten.  In den fundamentalistischen Zügen der amerikanischen Politik manifestiert sich eine Krise der amerikanischen Gesellschaft.  Eine anhaltende Rezession, der Zerfall der ökonomischen Basis der Mittelschichten, weit verbreitete Armut, eine Krise des Erziehungswesens oder zunehmende Gewalt in den Städten sorgen bei Amerikanern für eine tief sitzende, wenn auch häufig verleugnete Verunsicherung. Ungelöste gesellschaftliche Probleme, denen gegenüber die Einzelnen sich als ohnmächtig erfahren, produzieren bei vielen eine aus ängstigender Hilflosigkeit resultierende Überanpassung an das, was Macht ausstrahlt und damit Sicherheit verspricht. Die Bedrohung,  keineswegs nur durch den Terrorismus, die seit dem 11.  September als real erfahren wird, sondern auch die durch den sozialen Tod in der Konkurrenzgesellschaft, kann es begünstigen, dass man, um seine gefährdete innere Sicherheit zu stabilisieren, einer machtvoll auftrumpfenden Nation angehören möchte, die ihre Feinde mit allen Mitteln in die Schranken zu verweisen vermag. Untersuchungen zeigen,  dass die Zustimmung zu militärischer Aufrüstung und einer resoluten Politik der Stärke bei denen zu wachsen vermag, die sich im eigenen Alltag verunsichert fühlen.

Die Aggressionen, die durch vielfältige narzisstische Kränkungen in den Rivalitätskonflikten des Alltags aufgeladen werden, können, wo sie nicht in den Kampf um notwendige soziale Veränderungen eingehen, leicht auf Außenfeinde verschoben werden, die dann als besonders bedrohlich erscheinen. Wo eine Gesellschaft ihre Konflikte nicht auf rationale Art so austrägt, dass soziale Verbesserungen eintreten, tendiert sie dazu, sie nach außen zu verlagern. Sie erzeugt dann Feindbilder, die durch die eigene latente Aggressivität projektiv aufgeladen werden können.

Weltweite Krisentendenzen sorgen heute unschwer dafür,  dass sich Machthaber und Populationen ausfindig machen lassen, die die abstoßenden Züge aufweisen, mit denen sich das Bedürfnis nach einem Feind verknüpfen lässt. Die besonders vom Fernsehen begünstigte Personalisierung sozialer Probleme, die dafür sorgt, dass soziale Übelstände nicht aus bestehenden sozialen Strukturen und Verhältnissen,  sondern aus dem schlechten Charakter von Führerfiguren abgeleitet werden, begünstigt diese Verarbeitung.

Dass sich eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung heute von ihrer Regierung glauben machen lässt, dass es eine direkte Verbindung zwischen dem Regime Saddam Husseins und dem fundamentalistischen Terrorismus gibt, obwohl hierfür keinerlei Beweise vorliegen, ist Ausdruck der Tatsache, dass sich in der Psyche von vielen die emotionalen Besetzungen von Krieg und Terrorismus untrennbar verwoben haben: Die Destruktivität in der eigenen Psyche, die auf alle projiziert wird,  die als Feind des eigenen Lagers gelten, sorgt für eine Verwandtschaft aller und alles Bösen. Dass man sich durch soziale Mächte in der eigenen Gesellschaft während einer sozialen Krise in besonderer Weise in seiner Existenz bedroht fühlt, kann, nach außen verschoben, in einem Weltbild wiederkehren, in dem sich alle Mächte der Finsternis gegen Gottes eigenes Land verschworen haben. Das begünstigt den Ruf nach einer Regierung, die sie mit aller Härte aus der Welt schaffen soll.

Die bestehende Weltgesellschaft verlangt dringend Änderungen hin zu mehr Gerechtigkeit und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Zugleich befinden wir uns heute im Zeitalter des „real existierenden Opportunismus“. Die meisten Menschen in unseren Breiten kommen sich heute sehr aufgeklärt und nüchtern vor, wenn sie die Welt so akzeptieren,  wie sie ist, und nichts mehr grundlegend an ihr ändern wollen.  Veränderungen sollen nur noch die Rationalisierung des Bestehenden bewirken, wirklich anderes soll ausgeschlossen sein.

Diejenigen, die noch etwas grundlegend ändern wollen, gelten als verrückte Spinner, und leider verhalten sich diese nicht selten auch so. Wo die Suche nach vernünftigen, aufgeklärten Alternativen zum Bestehenden blockiert ist, mit denen sich Menschen identifizieren können, nimmt die Kritik am Bestehenden notwendig irrationale Züge an. Wo intellektuell begründete Perspektiven für eine andere Zukunft fehlen, die für Menschen attraktiv erscheinen, nimmt der Wunsch nach Veränderung, der den Menschen nicht auszutreiben ist,  unvermeidbar wahnhafte und zerstörerische Züge an.

Wer notwendige gesellschaftliche Veränderungen nicht auf aufgeklärte demokratische Art mitgestalten kann oder will,  sorgt dafür, dass solche Veränderungen eine fatale Gestalt annehmen. Wer dem Krieg und dem Terrorismus wirklich die Basis entziehen möchte, müsste sich darum bemühen, dass sich nicht nur in Afghanistan oder in Irak, sondern auch bei uns vieles ändert.

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